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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
freiheit jaerstRelevanzbekommenkonnten,wennmehrereIndividuenbeteiligt
sind), handelt, wird in der einschlägigen rechtswissenschaftlichen Literatur
kaum11gestellt.DieVerengungderAufmerksamkeit aufdie freieEntscheidung
der Frau, die sich einKindwünscht, unddarauf, inwelchemUmfangmedizi-
nischeHilfe inAnspruchgenommenwird,umdiesemWunschzurErfüllungzu
verhelfen, ist imVerhältnis zur Lebenslänglichkeit des erzeugten neuenMen-
schen, zur Schicksalshaftigkeit der ihm durch die Elternpersonen bereiteten
UmständedesAufwachsens, zu den Strapazenundder Folgenschwere der Er-
ziehungs„arbeit“undauchdesAufwandsanRücksichtnahme,angegenseitiger
Abstimmung und anVerzicht auf Eigeninteressen, umder Elternrolle gerecht
werdenzukönnen, zueinseitigundzupunktuell.AuchbestehtdieGefahr,das
Potential anKonflikten indenwechselseitigenBeziehungenzuverkennenoder
– inFolgeeinersublimenIdealisierungdesVerständnissesvonAutonomie–zu
vergessen12, dass Autonomie ein Ideal ist, das in der Realität nie vollständig
verwirklichtwerdenkann. InRechtspraxis undöffentlichemBewusstsein aber
könnte die Etablierung der Formel „reproduktiveAutonomie“ imSinne eines
subjektivenAbwehrrechtsdurchausdenWegbahnenfürdieweitereForderung,
auchüberdieArt undWeisederEntstehungundder genetischenAusstattung
einesgewünschtenKindesbestimmen(imSinnevonWählen)zudürfen. Inder
US-amerikanischen Debatte gibt es imUmfeld des Redens von reproductive
freedom längst das Stichwort von procreative autonomy bzw. choice13. Auch
11 In dieserRichtung jedoch:AnneRöthel, Autonomie imFamilienrecht derGegenwart, in:
Juristenzeitung 72/2017, S. 116–123, die die Asymmetrie des Eltern-Kind-Verhältnisses
hervorhebt. Ferner: Dagmar Coester-Waltjen, Reproduktive Autonomie aus rechtlicher
Sicht, in: Claudia Wiesemann / Alfred Simon (Hg.), Patientenautonomie. Theoretische
Grundlagen–PraktischeAnwendungen,Münster2013, S. 222–236.FürdieprioritäreHer-
leitungdesRechtsausdemGrundrechtaufEheundFamilieplädiertauchAndreasSpickhoff
(Hg.), Medizinrecht, München 2018 (Müller-Terpitz: GG Art. 6, Rn.1, 2). Die theolo-
gisch-ethischeArbeit vonCarolineWitting (ReproduktiveAutonomie.ÜberdasPotenzial
einesumstrittenenBegriffs,Münster2018)gibtgleich inderEinleitungzubedenken,„dass
dasZielderunterschiedlichenReproduktionspraktiken,alsodieGeburteinesKindes,nicht
von einer einzelnen Person realisiert werden“ könne (S. 13), weshalb reproduktiveAuto-
nomie„nichtausschließlichalseinRechtoderVermögen“,„daseinSubjektalleinebetrifft“
beschriebenwerden, sondernals „AutonomiederbeteiligtenAkteure“ verstandenwerden
solle (S. 13).
12 Auf dieseMöglichkeit weist imAnschluss anArbeiten vonEva IllouzAnneRöthel, Auto-
nomie alsBezugspunkt für eineKritik der rechtlichenRegulierungdesZugangs zu repro-
duktivenVerfahren, in: Baer / Sacksofsky (Hg.),Autonomie imRecht, S. 218–222hin.Zur
feministischenundkommunitaristischenKritik amAutonomieverständnis in dermedizi-
nischenEthik s. auchdenBeitragvon JohannS.Ach /BettinaSchöne-Seifert, „Relationale
Autonomie“. Eine kritische Analyse, in:Wiesemann / Simon (Hg.), Patientenautonomie,
S. 42–60.
13 BelegebeiKatharinaBeier /ClaudiaWiesemann,ReproduktiveAutonomie inder liberalen
Demokratie. Eine ethische Analyse, in: Wiesemann / Simon (Hg.), Patientenautonomie,
S. 205–221,hier: S. 217.
KonradHilpert418
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik