Seite - 438 - in Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben - Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
Bild der Seite - 438 -
Text der Seite - 438 -
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
RückblickallzuwenigGewichtbeizumessen.DieganzeGeschichtewäreanders
verlaufen, wenn sichmehr Stimmen bereitgefunden hätten, die Rektoratsent-
scheidung zu diskutieren und freimütig zu problematisieren. Aber weder die
Fakultätsleitung noch das Kollegiumder Professorinnen und Professoren der
katholischenTheologiehabensichdazudurchringenkönnen,einegemeinsame
Stellungnahme andasRektorat abzugeben.13Die einen fanden es peinlich, im
Kontext einer säkularenUniversität aufdenErhalt religiöserSymbole zudrän-
gen; andere verwiesen auf die subversive Logik des Kreuzes, das jede Identi-
tätssymbolik sprengt, und empfahlen im Sinne der Kenosis eine Selbstrück-
nahmedesZeichens;wieder anderemachtensichSorgen,dass eineProblema-
tisierung der Rektoratsentscheidung eine kulturkämpferische Situation
herbeiführen könne, die amEnde gegen die katholische Theologie überhaupt
gewendet werden könnte; bei wieder anderenmag schließlich einQuäntchen
Autoritäts- und Erlasshörigkeit gegenüber dem Rektorat eine Rolle gespielt
haben, lieberzuschweigenstattdasoffeneWortzuergreifen.AuchderMagnus
Cancellarius der Fakultät hat sich indieserAngelegenheit vornehmzurückge-
halten, wohl, weil er die Autonomie derUniversität durch eine kirchliche In-
terventionnichtantastenwollte.
AlleinWolfgangThierse, SPD-PolitikerundehemaligerPräsidentdesParla-
ments der BundesrepublikDeutschland, hat sich als Festredner beimDies Fa-
cultatis im Oktober 2018 öffentlich und klar zu den Vorgängen geäußert. In
seinemVortraghatThierse,derdieVerdrängungchristlicherSymboleausdem
öffentlichenRaumausdenZeitenderDDRnoch in lebendigerErinnerunghat,
zunächstherausgestellt,dassReligionTeilderModerneist.NichtdieReligionsei
am Ende, sondern die klassischen Säkularisierungstheorien, welchemeinten,
dasEndederReligionmit fortschreitenderModernisierungderGesellschaften
prognostizieren zu können. Damit hänge eine signifikante Verschiebung von
religiös homogenen zu religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaften
zusammen– ein vielschichtiger Transformationsprozess, der in Europadurch
dieMigrationsbewegungennochzugenommenhatundderauchdensäkularen
StaatvorneueHerausforderungenstellt.Thiersewarbnundafür,imUnterschied
zumfranzösischenModell der striktenTrennungvonPolitikundReligionden
weltanschaulichneutralenStaat als religionsermöglichende,nicht aberals eine
religionsneutralisierendeodergarreligionsnegierendeGrößezuverstehen.Auf
derBasisdergrundgesetzlich festgeschriebenenReligionsfreiheit solltenJuden,
MuslimeundChristen, aber auchAgnostiker undAtheisten aus ihren inneren
13 EinVorstoßdesKirchenhistorikers ao.Univ.-Prof.Dr.RupertKlieber, den einzigen feuer-
polizeilich unbedenklichen alten Hörsaal direkt neben demDekanat samt Kreuz für die
katholischeTheologiezuerhalten,wurde–auchwegenmangelnderUnterstützungdurchdas
Leitungsteam–vomRektorat ebenfalls abgelehnt.
Jan-HeinerTück438
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik