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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
ÜberzeugungenherausdasethischeundkulturelleFundamentdesGemeinwe-
sensöffentlichmitgestaltenkönnen.DieWerte,SinnpotentialeundNormender
Religionen undWeltanschauungsgemeinschaften dürften nicht in die Privat-
sphäreabgedrängtwerden,dasFehlenreligiöserSymbole solle imöffentlichen
Raum nicht privilegiert werden. In diesem Zusammenhang hat der Berliner
Politiker für das Verschwinden der religiösen Symbole aus denHörsälen der
UniversitätWienWorte gefunden, dieman in dieserDeutlichkeit von keinem
österreichischenAkteur inTheologie,PolitikundKirchevernommenhat:
„Undhier anderWienerUniversität betone ich:Demkonflikttra¨chtigen religio¨s-welt-
anschaulichenPluralismus sollte der religionsneutrale Staat nicht durch institutionelle
Bilderstürmereibegegnen,durchSäuberungöffentlicherRäumevonreligiösenSymbo-
len. Er hatwederdasRecht nochdiePflicht zurNivellierung faktischer religiöserPlu-
ralität – etwa zugunsteneiner religionslosenbzw. religionsverbergendenNeutralität.“14
7. DerFingerzeigeinerSkulpturundeineoffeneFrage
Die Frage aber, die bleibt, ist:Muss die Achtung vor der Andersheit Anders-
denkender undAndersgläubiger soweit gehen, dass das Eigene keinenRaum
mehrhatundhabendarf?Konkreter: dassdasKruzifix als sichtbaresZeichen
für das Selbstverständnis bekenntnisgebundener Theologien keinenOrtmehr
hatindenHörsälenderUniversitätWien?„ErstverschwindendieZeichen,dann
dasBezeichnete“, hatder Schweizer SchriftstellerThomasHürlimann imRah-
men seinerWiener Poetik-Vorlesung vermerkt – undKunst und Literatur die
seismographischeAufgabe zugeschrieben, die leisenVeränderungen zu regis-
trierenunddasVerschwundene imMediumvonBildundSprachegegenwärtig
zu halten.15Und in der Tat:Wer Augen hat zu sehen, kann an der Ringstra-
ßen-ArchitektureineerstaunlicheEntdeckungmachen.Das,wasimTiefparterre
inzwischenverschwunden ist, dasKreuz, ist oben auf der FassadedesUniver-
sitätsgebäudesnachwievorda.DortthrontdieSkulpturdersacratheologiamit
einemlangstieligenKreuz!Fürdie einenmagdasnichtmehrals einhistoristi-
schesZitatsein,einbloßesOrnamenteben,dasHeinrichvonFerstelsPrachtbau
ziert. Andere erinnert die denkmalgeschützte Statue in derGiebelgruppe von
EdmundHellmer daran, dass die wissenschaftliche ReflexionüberGott unter
demDachder europäischenUniversitäten seit derenGründung imMittelalter
14 WolfgangThierse,ReligioninpluralistischerGesellschaftundimweltanschaulichneutralen
Staat, in: Internationale Katholische Zeitschrift Communio 47/2019, S. 66–79, hier S. 73.
15 Vgl. ThomasHürlimann / Jan-Heiner Tück,DieAnwesenheit desAbwesenden.Wenndie
StundederLiteraturschlägt–überdieAnstößigkeitdesKreuzes, in:NeueZürcherZeitung
am11.05.2016 (Nr. 108), S. 23.
Kreuzesabnahme 439
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik