Seite - 465 - in Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben - Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
Bild der Seite - 465 -
Text der Seite - 465 -
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
3.3. „AlleMenschenwerdenBrüder“–ÜberwindungderTeilungEuropas
Auch auf europäischer Ebenewirkte dieseAufbruchsstimmungderdeutschen
Wiedervereinigung wie ein völkerverbindendes Narrativ. Für einen Moment
wurdewahr,wasunterdenKlängenvonBeethovensNeunterzurEuropahymne
mutierte: „AlleMenschenwerden Brüder“, verbundenmit der Aussicht, dass
Europanunmehr„mitbeidenLungenflügelnatme“ (JohannesPaul II.) unddie
Völker Europas im„gemeinsamenHaus“ (Gorbatschow) in gutnachbarschaft-
licherBeziehung einträchtigmiteinander auskommenwürden.Dahinter stand
dieÜberzeugung,dassderAufbaueinermenschenwürdigenGesellschaftaufder
Grundlage des ethischen Prinzips der sozialen Gerechtigkeit erfolgenmüsse,
unterWahrungderBalance zwischenEinheit undFreiheit. „ImProzess seiner
derzeitigenNeugestaltungistEuropavorallemaufgerufen,seinewahreIdentität
wiederzuerlangen.“14EinGlücksfall fürdenEuropäischenKontinent, aberauch
einVersprechen,dasbisheutenochnichteingelöst ist.
3.4. Willkommenskultur–Solidarität als identitätsstiftendesMomentum
FüreinkurzesZeitfenstergabes–Jahrespäter–nocheinmaleinegroßeWelle
der Solidarität undMitmenschlichkeit, als imSeptember 2015 eineMassenbe-
wegungvonGeflüchtetenandieGrenzenunseresHoffnungskontinentesstießen
undsichanvielenOrten jenesWunderderWillkommenskultur ereignete, von
nichtwenigenmitBewunderungundVerwunderungregistriert.Daüberbotsich
plötzlich eineGesellschaft anHilfsbereitschaft undGenerosität, berauscht von
der eigenenWeltoffenheit. Die Bilder vomMünchenerHauptbahnhof zeigten,
was später „Willkommenskultur“ genannt wurde: das Selbstbild einer solida-
rischen Gesellschaft, die Mobilisierung vielfältigen ehrenamtlichen Engage-
ments, das bis heute anhält und nachhaltig zur Integration der Heimatlosen
beiträgt.
4. DieMachtderGewöhnung–EndeeinesNarrativs
DochdieFragebleibt,objenegesellschaftlichenVeränderungsprozesse,vonder
großenMehrheitgetragen,aufdieDauerselbsttragendsind;obdieBegeisterung
überdenemotional aufgeladenenMomenthinausnachhaltig identitätsbildend
ist oder nicht dochmit der Gewöhnung Erosionsprozesse einsetzen, Abnut-
zungseffekte sichtbarwerdenundnicht seltendieAufbruchsbewegungen zum
14 PapstJohannesPaulII.,NachsynodalesSchreiben„EcclesiainEuropa“,28. Juni2003,S. 109.
Epochenwandel.AufderSuchenacheinerneuenErzählung 465
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik