Seite - 496 - in Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben - Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
Bild der Seite - 496 -
Text der Seite - 496 -
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
Religionmit der politischenModerne. In den letzten Jahren hat dieses Ein-
bahnstraßenmodell der religiös-säkularen Beziehung jedoch an Überzeu-
gungskraft verloren und ist einemModell gewichen, welches das Verhältnis
zwischenpolitischerModerneundReligionaufeinereziprokeWeisebetrachtet.
Zwei Faktorenwaren ausschlaggebend für dieseVerschiebung. Erstens die so-
ziologischeBeobachtung,dassdieReligionentrotzallerVorhersagenüberihren
bevorstehendenNiedergangweiterhineinewichtigeRolleindermodernenWelt
spielen.4Derzweite isteinphilosophischerundkonzeptionellerWandel,derdie
normative Gültigkeit und demokratische Legitimität des Säkularismus als
Quintessenz der politischenModerne in Frage stellt.5 Infolgedessen habendie
heutigenDebattenüberdiesäkular-religiösenBeziehungendenCharaktereiner
Einbahnstraßeverlorenundbeginnen,einerzweispurigenFahrbahnzuähneln;
es sind jetzt beide, die säkulareunddie religiöse Seite, die gegen- undmitein-
anderdieBedingungen ihresZusammenlebensdefinieren.DerBegriff, der so-
wohldiesoziologischealsauchdienormativeNeuheitdiesesMomentseinfängt,
istPostsäkularität.
Das osteuropäische orthodoxeChristentum ist vondieser Situation stärker
herausgefordert als diewestlichenKirchen: soziologisch, weil die orthodoxen
Kirchen in Osteuropa im 20. Jahrhundert zuerst mit repressiven politischen
Verhältnissen und danach mit rasantem gesellschaftlichen und politischen
Wandelkonfrontiertwaren,währenddiewestlichenKirchennachdemEndedes
ZweitenWeltkriegs kontinuierlichenWandel erlebten; und normativ, weil im
Rahmen der politischen Transition nach demFall des Kommunismus Fragen
nach staatskirchlichenBeziehungenundderRolle derReligion in derÖffent-
lichkeit, imWestenweitgehendbereits gelöst, fürdie orthodoxenKirchenneu
beantwortetwerdenmussten.
In dieser Situation ist vor allem inRusslandderBegriff der „postsäkularen
Gesellschaft“vonTheologenundPhilosophenaktiv rezipiertworden.Der rus-
sischepostsäkularephilosophischeund theologischeDiskursüberPostsäkula-
rität istgeprägtvondemWunsch,einenMittelwegzwischenAntimodernismus
und Modernisierung zu definieren oder, getreu der Straßenmetapher, eine
zweispurigeFahrbahn ineinemLabyrinthvonEinbahnstraßenanzulegen.Der
russische postsäkulareDiskus ist jedoch nicht immun gegen ideologische In-
strumentalisierung und wird immer wieder zur Rechtfertigung der in vielen
Aspekten illiberalenundundemokratischenHinwendungRusslands zu„tradi-
tionellenWerten“verwendet.
4 Jos8Casanova,PublicReligionsintheModernWorld,Chicago1994;PeterL.Berger(Hg.),The
Desecularization of theWorld: Resurgent Religion andWorld Politics,Washington, D.C.-
GrandRapids,Mich.1999.
5 Veit Bader, Secularism or Democracy? Associational Governance of Religious Diversity,
Amsterdam2007.
KristinaStoeckl496
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik