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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
stimmungspotenzial verfügt.DaszweitePrinzip, indemdieeigentlicheBeson-
derheit dieses Ansatzes liegt, ist das Prinzip der Vulnerabilität bzw. der Ver-
letzlichkeit: „Wir können durch schlechte Zustände in derWelt ernsthaft be-
hindertwerden, bei unserenAktivitäten aufgehalten oder gar verletzt und in-
nerlich beschädigtwerden.“9DieVerletzlichkeitsprämisse bedeutet, „dasswir,
umdemGewissen (überall) gleichenRespekt entgegenzubringen, […]Bedin-
gungenschaffenmüssen,diedieFreiheitdesGlaubens,desGlaubensausdrucks
undderGlaubenspraxis[…]schützen“.10MitdiesemzweitenPrinzipverschiebt
sichNussbaumsArgumentationvoneinerPolitikstrikterGleichbehandlungzu
einerPolitikderAkkommodation–von„LockesNeutrality“ zu „Accomodati-
on“, wie sie sagt. Mit diesem Begriff der Akkommodation (in der deutschen
Übersetzung sehr unglücklich teils mit „Ausgleich“, teils mit „Anpassung“
wiedergegeben)verbindetNussbaumdiebesondereRücksichtaufdasGewissen
religiöser, aberauchatheistischerMenschen,die imGleichbehandlungsgrund-
satznichtenthaltenist.11PolitischeGemeinwesenmüssensichmitRücksichtauf
die Vulnerabilität desMenschen an besondere (religiöse) Lebensformen „an-
passen“.Wohlgemerkt:EsgehtumdieAnpassungderpolitischenGemeinwesen
andiereligiösenLebensformen,nichtumgekehrt– imSinnederAssimilation–
umdieAnpassungder religiösenMenschenundGruppenaneinenvorgegebe-
nen(säkularenoderauchreligiösgeprägten)Standard.DiebeidenPrinzipien–
gleicheWürdeundVulnerabilität–verschränktNussbaumschließlichzueinem
dritten Prinzip, demzufolge „die Freiheit umfassend und für alle gleich sein
muss“.12Dieses Prinzip, so jedenfalls Nussbaum, weist großeÄhnlichkeit zu
John Rawls’ Idee auf, wonach die Gerechtigkeit das größte Maß an Freiheit
erfordere,dasmiteinerentsprechendgroßenFreiheitalleranderenvereinbarist.
Umdorthinzugelangen,bedarfesnachNussbaumsAuffassungaberebeneiner
besonderenRücksichtaufVulnerabilität.13
NussbaumsAnalyse der Fragilität des gleichenRespekts vor unterschiedli-
chen religiösenÜberzeugungen erscheint angesichts gegenwärtiger Entwick-
lungen plausibel. Und ihre normative Konzeption einer Kombination von
Gleichheitsprinzip und besonderem Respekt vor religiösenÜberzeugungen,
erscheint für eine Religionspolitik in weltanschaulich pluralen Gesellschaften
angemessen.OhneNussbaumimDetail zu folgen, soll ihrAnsatz imFolgenden
9 Ebd., S. 63.
10 Ebd., S. 64.
11 Nussbaum,TheNewReligious Intolerance, S. 68–90.
12 Ebd., S. 64.
13 Vgl.dazu(undzueinerGegenüberstellungmitdergänzlichanderenPositionvonMarkLilla)
Christian Spieß, Neue Intoleranz gegenüber Religionen und Bedrohung durch politische
Theologien:MarthaNussbaumundMarkLilla, in:OliverHidalgo /ChristianPolke (Hg.),
StaatundReligion,Wiesbaden2017,S. 429–441.
ReligionspolitischeTransformation inÖsterreich? 523
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik