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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
3. Ambivalenzensozialer Innovation
Die Interpretation dieses erneuerten Zusammenspiels von Staat, Zivilgesell-
schaftundUnternehmenistebensowenigeinheitlichwiedieDefinitionsozialer
Innovation. Das auf EU-Ebene sehr einflussreiche Bureau of European Policy
Advisors sieht es z.B. „im aktuellen ökonomischen Klima als notwendig an,
MehrmitWeniger zu tun und es besser zu tun“21. In dieser Lesart ist soziale
Innovation eine „ideale“Antwort auf die aktuellen Erfordernisse der vorherr-
schendenAusteritätspolitik: Zivilgesellschaft oderUnternehmenübernähmen
vormals staatlicheAufgabendeutlichunbürokratischer und sorgtendamit für
einenverbessertenWohlfahrtsstaat trotzSparpolitik–sodieThese.
Diese Sichtweise aufReformendes Sozialstaats ist nicht neu. Schon für das
Österreich der 2000er Jahre gab es entsprechende Ideender Etablierung einer
„Bürgergesellschaft“. Margit Appel, Luise Gubitzer und Birgit Sauer22 zeigten
indesschondamalsauf,dassdieaktivereBeteiligungvonBürgerInnenzwarmit
großen Potenzialen verbunden ist, gleichzeitig aber auch Kehrseiten hat: So
führederAusbau ehrenamtlicherTätigkeiten oft zurVerdrängungvonFrauen
ausdembezahltenArbeitsmarkt indenBereichunbezahlterTätigkeiten.Wäh-
rend bürokratische Regelungen imWohlfahrtsstaat oftmals zu rigide wären,
erwiesensichmanchederprivatenDienstleistungenals intransparentundun-
tergrüben soziale Rechte. Erik Swyngedouw23 kam in seiner Analyse von
„Governance jenseits des Staats“ zu ähnlich kritischenErkenntnissenundbe-
tontedie„Janus-Köpfigkeit“,d.h.,dassdenpositivenPotenzialenvieleGefahren
gegenüber ständen.GuyPeters und JonPierre diagnostizierten einen „Faust’-
schenHandel“24: Effizienzwerde invielenneuenArrangementsaufKostende-
mokratischerLegitimität undNachvollziehbarkeit (Accountability) gewonnen.
Auch aktuelle Forschungsergebnisse bestätigen, dass derVersuch einer ak-
tiverenEinbeziehungder ZivilgesellschaftKehrseiten hat: Besonders ambitio-
niert war diesbezüglich die „Big Society“-Initiative in Großbritannien. For-
schungsarbeitenzudenAuswirkungenaufehrenamtlichesEngagement25sowie
21 BureauofEuropeanPolicyAdvisors,SocialInnovation:ADecadeofChanges,Brussels2014,
vgl. http://espas.eu/orbis/sites/default/files/generated/document/en/social_innovation_de
cade_of_changes.pdf (letzterZugriff: 06.06.2019).
22 MargitAppel/LuiseGubitzer/BirgitSauer(Hg.),Zivilgesellschaft–einKonzeptfürFrauen?,
Frankfurt2013.
23 Erik Swyngedouw, Governance Innovation and the Citizen. The Janus Face of Gover-
nance-beyond-the-state, in:UrbanStudies42/11/2005,S. 1991–2006.
24 GuyPeters/JonPierre,Multi-levelGovernanceandDemocracy.AFaustianBargain?, in:Ian
Bache /MatthewFlinders (Hg.),Multi-levelGovernance,Oxford2004,S. 75–89.
25 Annette Zimmer / Benedikt Pahl, TSI Comparative Report. Learning fromEurope, Third
SectorImpact:Comparativereport1/2016,vgl.http://thirdsectorimpact.eu/site/assets/uplo
ZurErneuerungdesSozialstaats:Soziale InnovationundkatholischeSoziallehre 627
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Titel
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Untertitel
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Autoren
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Herausgeber
- Peter G. Kirchschläger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 722
- Kategorie
- Recht und Politik