Seite - 135 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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5.2 Die festlicheMehrchörigkeit im 18. Jahrhundert
Harrachs 1709 –, illustriert es doch eindrucksvoll
das Fortbestehen desmehrchörigenKolossalstils
in Salzburg auch nach demTodeHeinrich Ignaz
FranzBibers.
•Mit zwei Solistengruppen, zweiVokalchören und
einemgemeinsamenOrchester sind die Josephs-
litaneiHeinrich IgnazFranzBibers genausowie
dieWerkeMatthias SiegmundBiechtelers (A-Sd,
A55,A57) fürdengleichenAnlassbesetzt.Diese
Litanei wurde am19.März, demFest des Lan-
despatrons, amSchneeherrnaltar43, demBruder-
schaftsaltar der Josephs-Bruderschaft imDom,
gehalten (→ S. 10 und 24), wobei sich insbeson-
derezuBeginndes18.Jahrhundertsdie repräsen-
tativePracht vor allemdurch die doppelchörige
Anlage ausdrückte.
• Das kleinsteBesetzungsschemamit zweiVokal-
chörenundeinemOrchester ist jenes,dasamhäu-
figstenVerwendung fand, beispielsweise inKom-
positionenvonBiechteler,EberlinundNeymiller,
aber auch etwa in derMissa a Dupplici Choro
(A114)vonKarlHeinrichBiber. ImGrundewird
hier das sich umdiese Zeit herauskristallisieren-
de Schema von Solisten, Chor, Orchester und
Basso-continuo-Gruppe in den doppelchörigen
Kompositionen abgewandelt, indemdie Solisten
durch einenChor ersetztwerden.
KarlHeinrichBiberwar derjenige, der die festliche
Mehrchörigkeit und ihremusikalischenMittel noch
in der Zeit nach der Stilwende häufiger und länger
anwandte als seineKollegen und sich insgesamt am
wenigsten an das ‚neue‘, fixeBesetzungsschemamit
vier Solisten,Chor undOrchester hielt.Das beweisen
u.a. sechsSakramentslitaneien44 ausdenJahren1730,
1731, 1733, 1735, 1738 und 1744, die fünf oder sechs
Stimmenund an Instrumenten unter anderemViole
d’Amore (→ S. 154), obligateVioloncelli, Flöten etc.
aufweisen. Eine dieser Litaneien, nämlich jene aus
demJahr 1731 (A160), ist doppelchörig besetzt, und
zwarmit zwei Solistengruppen, zweiChörenund zwei
Instrumentengruppen, von denen eine einOrchester,
die andere eineGeneralbassgruppe ist.
43Hintermaier: „Vorwort“ zuDMS9, S.VIIIf.
44A-Sd, A 1573, A 160, A 158, A 153, A 154, A 161. Eine
weitere,A166, istnichtdatiert,dürfteaberausdemzweiten
Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts stammen. Sakramentslitaneien fanden im Salzburger Dom
beim 40-stündigen Gebet Verwendung. Beginnend
amPalmsonntagwurde an drei aufeinanderfolgenden
Tagen in der Karwoche „Abends [...] gegen halbe
7. Uhr auf dem grossenChor unter zahlreich=und
wohlbesetzterMusic ein Litaney“45 gemacht. Inter-
essant ist in diesem Zusammenhang vor allem die
Erwähnung des „grossenChores“, der als „Westem-
pore über demEingang“ zu deuten ist46 und somit
eine absoluteAusnahmesituation für dieAufführungs-
praxis an der Metropolitankirche sichtbar machte,
wurdedieWestempore gemeinhindochansonstennur
vomDomorganisten betreten (→S. 162f.), umden
Einzug undAuszug des Fürsterzbischofsmusikalisch
zu umrahmen.47AlsGrund für dieVerwendung der
Westempore für die Sakramentslitaneien im 18. Jahr-
hundert ist amehesten einPlatzproblem imPresbyte-
riumvorstellbar, da amHochaltar dasAllerheiligste
ausgesetztwar und rundherumzahlloseKerzen und
Weihrauchfässer den Altarraum zierten. Eine vage
Vorstellung vom Ausmaß dieser Illuminationen ge-
währt jenesProtocollum, das schon für das Jahr 1699
belegt, dass bereits für das monatliche 7-stündige
Gebet der finanzielleAufwand für die „beleichtung“
dasBudget derKustodie erheblich belastete.48Eine
Übersiedlung derMusiker auf dieWestempore schien
dahermöglicherweise aus rein pragmatischenGrün-
den angeraten.Auch dieTatsache, dass dieMusiker
auf den Emporen teilweise demAllerheiligsten den
Rücken zudrehenmussten, könnte zurÜbersiedlung
beigetragen haben.49
DieÜberlieferung vonQuellen zu zwei doppelchö-
rigen Sakramentslitaneien ist hingegen ein Hinweis
darauf, dass die musikalische Ausgestaltung zu Be-
ginn des 18. Jahrhunderts noch vorne auf den Vie-
rungsemporen stattfand, da für dieWestemporewohl
kaumeinedoppelchörigeKomposition konzipiertwor-
45Hofkalender 1751.
46Schmid/Eder: „L.Mozart – W.A.Mozart – M.Haydn“,
S. 276; u.a.
47Metzger, Heribert:DieOrgeln imDom zu Salzburg, Salz-
burg:Metropolitankapitel zu Salzburg [2010], S. 9.
48„N.B.weillendieCustoreymit ihrmDeputatdie beleichtung
fürderhin nit erschwingen khan, als were diese andacht auf
2. Stund, id est von 9. bis 10. und von 3. bis 4 Uhr zu
reduciren.“Commissions ProtocollumDie offentl. Andach-
ten im Thumb btf.AES, Altbestand, AT-AES 1.2.22/68
Gottesdienstordnung 1653-1790.VollständigeÜbertragung
→S. 26.
49Wir danken unseremKollegen StefanEngels für diesenHin-
weis.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Titel
- Musik am Dom zu Salzburg
- Untertitel
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Autoren
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Verlag
- Hollitzer Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Abmessungen
- 21.0 x 30.2 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Kunst und Kultur