Seite - 139 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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5.3 Pflege einer älterenTradition
ChorbücherW.b.IV.,V.,XII.,XIII.,XXII.,XXVIII.–
XXXIV. undN I.–V. gehabt haben.Bei einigenChor-
büchern muss man eine Verwendung durch ein an-
deres Sängerensemble vermuten. DieseMöglichkeit
muss vor allembei denChorbüchernW.b.XXVIII.–
XXXIV., die alle ein kleineres Format haben und
ziemlich einheitlich in helles Pergament gebunden
sind, inErwägung gezogenwerden. Sie könnten,wo-
für etwaauch ihr schlichterEinband spricht, nichtder
Metropolitankirche, sondern z.B. demBestand der
StadtpfarrkircheunddamitdemRepertoirederStadt-
pfarrmusikanten zuzuordnen sein.Das kleinere For-
mat und dieTatsache, dass der Inhalt dieser Bücher
nicht später von denHofschreibern in Stimmen ko-
piert wurde, stützen diesenBefund, denn alle Stücke,
die im 18. Jahrhundert durch Stimmenabschriften ge-
ändertenAufführungsbedingungen angepasstwurden,
entstammenausnahmslos jenenChorbüchern,die laut
dem Inventar von 1746 bei denPulten imAltarraum
aufbewahrtwaren.
Warum im18. Jahrhundertwieder das ältere, von
GeorgMoser 1632 ingrossierteHymnenbuchmit den
KompositionenTomás Luis deVictorias (W.b.XVII.)
undnicht das 1647 vonAbrahamMegerle zusammen-
gestellte Buchmit den reformiertenHymnentexten
Papst Urbans VIII. (W.b.XIII.) in den Pulten im
Domverwahrtwurde, bleibt jedoch rätselhaft. Letz-
teresmuss imGebrauch gestanden haben, zumal es
im Jahr 1802 restauriertwurde.61
Gerade jene Bücher, die nicht in den Pulten ver-
wahrt wurden, wurden entweder gar nicht in Stim-
menkopiert62 oder,wie u.a.W.b.XIII. (Hymnenvon
Tomás Luis deVictoria in derBearbeitungAbraham
Megerles) undW.b.XXII., erst Ende der 20er-Jahre
des 19. Jahrhunderts oder später inAbschriften über-
liefert.Das könnte darauf hindeuten, dass dieseChor-
bücher nicht mehr in Gebrauch waren und sie erst
61Ebd., S. 16.
62W.b.IV.(MessenvonTomásLuisdeVictoria),W.b.XII. (Ma-
gnificat-Vertonungen vonGiovanni Pierluigi daPalestrina,
etc.),W.b.XXVIII. (Messteile undPropriums-Vertonungen,
teilweise von Johann Stadlmayr und Orlando di Lasso),
W.b.XXIX. (Propriums-Vertonungen undHymnen von Jo-
hann Stadlmayr, AbrahamMegerle undGiovanni Pierluigi
daPalestrina),W.b.XXXI. (Propriums-Vertonungen und
HymnenvonStadlmayrundMegerle),W.b.XXXIII. (Requi-
emvonBernardi?),W.b.XXXVIII. (Officiumdefunctorum
von StefanoBernardi),W.b.NI. (Psalm- undMagnificat-
Vertonungen),W.b.NIII. (Messen vonOrlando di Lasso),
W.b.NIV. (Magnificat-Vertonungen vonOrlando di Lasso)
undW.b.NV. (Messen vonBlasiusAmon). aus historischem Interesse wieder Aufmerksamkeit
erlangten.
Zahlreiche Stimmenabschriften, die ab Ende des
17. Jahrhunderts von den in denPulten verwahrten
Chorbüchern angefertigtwurden, bezeugen eindrucks-
voll den ständigenGebrauch des älterenRepertoires
auch im18. Jahrhundert.BereitsAnfangdes18. Jahr-
hunderts entstand ein Stimmbuch für Sopran, das
Introiten Stadlmayrs aus denChorbüchernW.b.XIX.
undW.b.XXX. enthält (A 1107,mutmaßlich Schrei-
ber102).HäufigerwurdenOrgelbücherausdemChor-
buch gezogen: Sie dienten demDomstiftsorganisten
dazu, den Chor auf demOrgelpositiv zu begleiten.
So entstand 1709 eineKompilation vonKompositio-
nen aus denChorbüchernW.b.IX., X., XI., XII. und
XVI., neben anonymenWerkenKompositionen von
Stadlmayr, Megerle, Bernardi und Ißlinger für das
Stundengebet der Karwoche (A 1017), geschrieben
von Schreiber 112b. In den 20er-Jahren des 18. Jahr-
hunderts kopierte JosephBalthasarHochreiter (1669–
1731), damalsDomstiftsorganist,Messen von Ignazio
Donati,Orlando di Lasso undStefanoBernardi aus
denChorbüchernW.b.V. undVI. in ein Stimmbuch
fürOrgel (A1252).Ausder frühenZeit derKathedra-
le ist nur einOrgelbuch erhalten, und zwar jenes von
GeorgMoser zwischen 1622 und 1636 kopierteBuch
mitMessen von StefanoBernardi aus demChorbuch
W.b.VI. (A 1016).
Den Kern des Repertoires bildeten im 18. Jahr-
hundert jedoch die Introiten Johann Stadlmayrs und
die PropriumsvertonungenPietroBonamicos, denn
die betreffendenChorbücherW.b.XIX. undW.b.VIII.
wurden imLaufe des 18. Jahrhunderts fast zurGän-
ze in Stimmenhandschriften kopiert. In einer ersten
Phase desKopierens zwischen 1680 und 1725wurden
von den Schreibern 111, 112b und 113 bis auf we-
nigeAusnahmen ausschließlich Introiten Stadlmayrs
beginnendmit derNr. 19 desChorbuchesW.b.XIX.
abgeschrieben. In vielenFällen ergänzte der zwischen
den 1720er-Jahren und 1766 vielbeschäftigteHofko-
pist Johann JakobRott (→S. 268) bei diesen Stim-
menabschriften später Fagott, Violone oder Orgel,
was eineErweiterung derGeneralbassgruppe und ih-
re Angleichung an die Besetzungskonventionen von
zeitgenössischenWerkenwiderspiegelt.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Titel
- Musik am Dom zu Salzburg
- Untertitel
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Autoren
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Verlag
- Hollitzer Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Abmessungen
- 21.0 x 30.2 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Kunst und Kultur