Seite - 150 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
Bild der Seite - 150 -
Text der Seite - 150 -
5 Aspekte derAufführungspraxis
tis inAugsburg erschienenenConcertini e serenate,
op. 12 belegt und wird noch in den 1780er-Jahren
in zwei gedruckten deutschen Lehrwerken beschrie-
ben.100MarianneRônez101 gibt alsBeispiel für einen
mitdemDaumenrelativ leichtausführbarenGriffden
Akkord a–f1–c2–f2; der betreffendeAkkord inLollis
Magnificat lautet a–d1–c2–fis2 und ähnelt damit ei-
nem imDaumengriffauszuführendenAkkord, dender
St.GallenerPaterMauroBuohl 1756 in einer hand-
schriftlichenViolinschule beschreibt: a–d1–d2–fis2.102
DieMöglichkeit, dass nochweitereQuellen aus dem
Dommusikarchivmit demDaumengriff rechnen, ist
nicht ausgeschlossen, könnte aber allenfalls in einer
hier nicht zu leistenden Spezialuntersuchung eruiert
werden. Insgesamt erscheinenViolinen in etwa 1300
Materialien der Sammlung.
DagegenspieltdieViola imBestanddesDommusik-
archivs eine quantitativ untergeordneteRolle. Gleich-
wohl lassen sich anhand dieser InstrumenteEntwick-
lungstendenzen inderAusprägungdesStreichersatzes
gut veranschaulichen.Violen erscheinen imDommu-
sikarchiv nur in ca. 360 Stimmenhandschriften, die
überwiegend vor derMitte des 18. Jahrhunderts ent-
standen sind: ca. 80-mal inKompositionen vonHein-
rich IgnazFranzundKarlHeinrichBiberundMatthi-
as SiegmundBiechteler gegenüber 30-mal inWerken
von JohannMichael Haydn und Luigi Gatti. Eini-
ge der ältestenHandschriften desDommusikarchivs
lassen noch dieVerwendung des im 17. Jahrhundert
gebräuchlichen chorischenViolensatzes bzw. dessen
Nachwirken erkennen. Häufig ist dabei eine struk-
turelleTrennung zwischen einem tendenziell an den
Vokalchor angelehntenViolensatz und einemdavon
unabhängig geführten Violinenpaar zu beobachten.
Am klarsten ist diese Anlage dort zu erkennen, wo
durch dieBesetzung der „Violetta“ eine explizit dem
CantusanalogeOberstimmedesViolensatzesnamhaft
gemacht ist.
Violetta
Die Instrumentenbezeichnung „Violetta“ ist mehr-
deutig und kann historisch und regional bestimmte
100Vgl. ebd. S. 509f. sowie S. 591f.
101Ebd., S. 509.
102Vgl. ebd. S. 592. Buohls Handschrift, die sich ausführlich
demAkkordspielwidmet, ist diejenige unter denbekannten
Quellen, die denDaumengriff amausführlichsten undmit
größter Selbstverständlichkeit verlangt. Streichinstrumente variabler Bauart bezeichnen.Der
Ausdruck kommt in lediglich zehnMaterialien des
Dommusikarchivs vor. Allein vier davon stammen
aus den 1770er-Jahren, überliefernWerkeDomenico
Fischiettis, enthalten diese Instrumentenbezeichnung
vermutlich als Synonym fürBratsche und können je-
denfalls zum hier erörterten Fragenkomplex nichts
beitragen.103Das prominenteste unter den übrigen
Werken istHeinrich IgnazFranzBibersRequiem inA
(A181).104Die Stimmenbezeichnungen für die Strei-
cher lauten: „Violetta“ 1 und 2 sowie „Viola“ 3 und 4.
DieNummerierung legt also nahe, dassViolettae und
ViolengemeinsameinenStreicherchorbilden.Entspre-
chend sinddiese Instrumente imoriginalenTitel auch
als ein Satz „Viole di Brazzio“ zusammengefasst.Ge-
meinsammit demViolone (und denPosaunen) geht
dieserViolensatz imWesentlichencolla partemitdem
Ripien-Chor, übernimmt aber in denAbschnitten, in
denen derChor schweigt, auch eigenständigeAufga-
ben.
Die prototypische ‚Ur-Gestalt‘ diesesViolensatzes
zurColla parte-Begleitung findet sich in der anony-
men Antiphon „Asperges me“ (A-Sd, A 1533), die
in einer der ältesten Handschriften des Bestandes
vermutlich aus dem letztenDrittel des 17. Jahrhun-
derts überliefert ist. Sie verlangt in jeder der fünf
Vokalstimmen die gleichzeitigeAusführung durch ein
Streichinstrument; Sänger und Instrumentalistenmu-
sizierten demnach aus denselben Stimmen.Die bei-
den höchsten Stimmen, „Canto 1mo“ und „2do“ im
Sopranschlüssel, werden durch „Violetta 1ma“ respek-
tive „2da“ verstärkt, die Stimmen „Alto“, „Tenore“
und „Basso“ jeweils durch „Viola 1ma“–„3a“. Es fehlt
also hier die durchgehendeNummerierung der Stim-
men.
Diese ist dagegen inAndreas Hofers Offertorium
„Oquammetuendus“ (A-Sd,A 1217) zu beobachten.
Violetta 1 und 2 verdoppeln die Sopranstimmen,Vio-
la 3–6 gehen colla partemitAlt, Tenor 1 und 2 sowie
Bass.Die Schlüsselung ist die gleichewie in den kor-
respondierendenVokalstimmen.Das bedeutet, dass,
wie beim anonymen „Aspergesme“, für dieBassstim-
me eine „Viola“ vorgesehenwar, derenUmfang bis in
103A1131,A 1132,A 1134,A 1136.
104In seinemRequiem in f, das heute in einemSalzburger Stim-
mensatz im Stift Herzogenburg überliefert ist (→ S. 44),
gibt es hingegen keineVioletta.
150
Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Titel
- Musik am Dom zu Salzburg
- Untertitel
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Autoren
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Verlag
- Hollitzer Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Abmessungen
- 21.0 x 30.2 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Kunst und Kultur