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5.4 Instrumentarium
Eine der letztenKompositionen, die immerhin für
eine Aufführung an allen vier Pfeileremporen be-
stimmt gewesen sein dürfte, istKarlHeinrichBibers
monumentalesTeDeum inC „âDueChori“ (A 133),
das in 61 Stimmen überliefert ist und damit den
weitaus größten Stimmensatz aus einerHand imge-
samtenBestand darstellt. DasWerk verlangt neben
zwei solistischen Vokalquartetten und zwei Ripien-
Chören auch zwei Streicherchöre mit je zwei Violi-
nen,Violen,Violetta,Violoncello undViolone (durch
Fagott verdoppelt) sowie zwei Zinken/Posaunen-
Ensembles und zwei Trompeterchöre zu je vier Trom-
petenmit Pauken. Für beide Chöre ist eine Orgel-
stimme vorgesehen, Stimmen für den instrumentalen
Ripien-Bass sind nicht vorhanden. Nach dem Um-
fang des Stimmenmaterials zu schließenmüssen für
eineAufführung desWerkes imDomalle vier Pfeiler-
emporenmitMusikern besetzt gewesen sein. Es ist
angesichts derGröße des Ensembles sogar zu bezwei-
feln, dass – wie in Bibers Chorordnung vorgesehen
(→S. 128) – dieTrompeter diewestlichenEmporen
allein für sich beanspruchen konnten, wenngleich die
konkrete räumlicheAufteilung derMusiker ohne eine
genauereAnalyse derKomposition vorerst nicht zu
rekonstruieren ist.
Anders liegt der Fall bei einer Messe in C Karl
HeinrichBibers (A 114), bei der das Stimmenmateri-
al in vierUmschlägen überliefert ist, die vermutlich
jeweils die auf einer derEmporen benötigtenNoten
enthalten. Zwei vierstimmigeVokalchörewären dem-
nach auf den östlichen Emporen platziert gewesen.
Auf demPrinzipal-Chor befanden sichweiters neben
demKapellmeister eine großeBassgruppe bestehend
ausVioloncello, Violone, Fagott undOrgel sowie drei
Posaunen.Der zweiteChorwurdenurvonVioloncello
undOrgel begleitet. Ein dritterUmschlag enthält die
Noten für vierViolin- und zweiBratschenpulte, ein
vierter jene für vierTrompeten undPauken.
WeitereBeispielemehrchörigerKompositionen, die
auch dieBenutzung vonmindestens zwei der Pfeiler-
orgeln einschließen, finden sich bis etwa in die frühen
1730er-Jahre. Ein „Benedictus sitDeus“ vonAntonio
Bertali in SalzburgerAbschrift (A 182)weist neben
einer Stimme „Organo inCappella“ zurBegleitung
nur der chorischenAbschnitte drei weitereOrgelstim-
men auf, die den durchgehendenBass der gesamten Komposition inbezifferterNotationenthalten.Nimmt
man an, dass eine der Orgelstimmen zur Direktion
verwendetwurde – die in späterenMaterialien obliga-
torische „Battuta“-Stimme fehlt in diesemKonvolut
–, soverbleiben zwei Stimmen,diewohl anden Instru-
menten der beiden östlichenPfeiler benutztwurden.
Vordergründigweniger eindeutig erscheint die Si-
tuation beiHeinrich IgnazFranzBibersLitaniae de
S. Josepho (ChaB 44,A 435). Hier enthält dasMate-
rial lediglich einemit „Organo“ bezeichnete Stimme,
dazu aber zwei gleichlautende Stimmen „BassoCon-
tinuo“ sowie eine Stimme „Basso in Capella“, bei
der für die solistischen Partien Pausen gesetzt sind
– späterwird sich für diese StimmedieBezeichnung
„Organo ripieno“ einbürgern –: bei andererBezeich-
nung der Stimmen also die gleiche Situationwie im
vorigenBeispiel.
Dermit 1731 datierte autographe Stimmensatz zu
Karl Heinrich Bibers Lytania de Venerabili SS à 2
Chori (A160) enthält (wiedie oben erwähntenWerke
desKomponisten) keine Stimme für dieRipienorgel,
wohl aber zwei voneinander abweichendeOrgelstim-
men für Chor 1 und 2 sowie als Alternative für die
schon nichtmehr selbstverständliche Spielpraxis an
zwei Pfeilerorgeln eineweitereOrgelstimme für den
Fall „quando si fa in unoChoro“.
FürdieFiguralmusik,wie sie überwiegend imDom-
musikarchiv überliefert ist, kam unter den Pfeiler-
orgeln im 18. Jahrhundert vor allem eine – die so-
genannte „Hoforgel“ auf demPrinzipal-Chor – zum
Einsatz. Auf ihrwurde dieMusik begleitet, wenn zu
höheren undhöchstenFesten dieHofmusik imDom
musizierte.Erstaunlicherweise bestehenbis indie jün-
gere und jüngste LiteraturUnklarheiten darüber, wo
sich dieHoforgel (undmit ihr der „Prinzipal-Chor“,
auf demdie Solosänger platziertwaren) befand.Wäh-
rendManfredHermannSchmid ihrenPlatz „auf einer
Empore des nordöstlichenVierungspfeilers“146 situ-
iert wissenmöchte, verortetThomasHochradner sie
„[v]omAltar aus gesehen linker Hand“147, also auf
der Südseite.
Diemeisten historischenÄußerungen dazu lassen
es an Eindeutigkeit vermissen, da in ihnen entwe-
146Schmid/Eder: „L.Mozart – W.A.Mozart – M.Haydn“,
S. 263; in gleichem Sinn auch Schmid:Mozart und die
Salzburger Tradition, S. 252f.
147Hochradner: „ZwischenHöhepunkten“, S. 244.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Titel
- Musik am Dom zu Salzburg
- Untertitel
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Autoren
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Verlag
- Hollitzer Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Abmessungen
- 21.0 x 30.2 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Kunst und Kultur