Seite - 202 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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6 Die SammlungDommusikarchiv
ChristophGroßpietsch jüngst ausführlichdargelegt.91
An einerwohl in diesemZusammenhang zu sehenden
Inventur der imDommusikarchiv vorhandenenWerke
Mozarts hatGatti sich aktiv beteiligt, wie eineReihe
vonKatalogeinträgen von seinerHand bezeugt.
VomSonderfallMozart abgesehen zeigt sich aller-
dings, dass die sukzessiv stattfindendenKatalogisie-
rungsarbeiten generell von unterschiedlichenMotiva-
tionen getragenwaren.Offenbarwaren dieNachträge
imCatalogus, insbesondere jene J. J. Fuetschs imEx-
emplar „Gatti“, in einemMaßevonarchivarischemIn-
teresse geleitet, dasweder inEstlingers Intention lag,
noch fürFuetschsNeuschriftmaßgeblichwar.Dem-
nach benutzte Fuetsch den älterenKatalogband, um
sicheinenmöglichst ‚vollständigen‘Überblicküberdie
vorhandenenMusikalien zu verschaffen.Dazu nahm
er ingroßemUmfangauchWerkeauf,dieanscheinend
nichtmehrmusiziertwurden.Amdeutlichsten zeigt
sichdas anhandvon24SeitendesExemplars „Gatti“,
die meist am Seitenende in einer rötlich-wässrigen
Tintewohl vonFuetsch selbst den offenbar nachträg-
lich angebrachtenVermerk „in actis“ tragen.Neben
WerkenKarlHeinrichBibers, Biechtelers, Caldaras,
Lollis und einigenEinzelwerken ältererKomponisten
betrifft dies auffallend oft auchKompositionen, die
unter derRubrik „Autore ignoto“verzeichnetwurden.
Diese fehlen, ebensowie solche vonK.H.Biber und
G. Lolli, in derNeuschrift von 1822 nahezu vollstän-
dig.92
Weiters fehlen hier sämtlicheKirchensonaten.Als
grundsätzlich unbrauchbaresRepertoirewurdendiese
von Fuetsch in einer Reihe von Sammelaufnahmen,
d.h. ohne Interesse an einerweiterenDifferenzierung
der Einzelwerke, ausnahmslos auf später mit dem
Vermerk „in actis“ gekennzeichneten Seiten verzeich-
net.93 Zur Zeit der Katalogisierungsarbeiten waren
91Großpietsch: „Mozart ausGattisHänden?“.
92DieAbteilung „IGNOTIAuctor“ imCatalogus „Fuetsch“,
S. 123–126, enthält lediglich fünf liturgischeWerke klei-
neren Zuschnitts sowie „40 Büchl“ eines „Pange lingua“
mit Litanei fürProzessionenund zweiPassionsmusiken, die
vermutlich zu ganz bestimmtenwiederkehrendenAnlässen
gebrauchtwurden undnicht leicht durch andereKomposi-
tionen zu ersetzenwaren.VonLolli istCatalogus „Fuetsch“,
S. 137, einMiserere in E verzeichnet, das jedoch unter
denEinträgen des älterenKatalogs nicht aufscheint, von
K. H. Biber verbliebenCatalogus „Fuetsch“, S. 12, noch
dreiWerke.
93Catalogus „Gatti“, S. 111: „18 / Sonati Solamente per gli
Stru=/menti Senza voci cantan:“, S. 114: „22 Sonati de
Biber“, S. 136: „22 Sonaten für Instrumente ohne Singstim- die sogenanntenEpistel-Sonaten bereits als „Aerger-
niß andächtiger Seelen“94 aus der Salzburger Liturgie
verbanntworden, dementsprechendwurden sie von
Estlinger auch nicht in den Katalog aufgenommen.
Von seinerHandfinden sich imDommusikarchiv aber
elf neu angefertigteUmschlagtitel zu vorwiegend an-
onymüberlieferten Sonaten. Immerhinwurden also
auchdieSonaten indieNeuordnungdesBestandesals
Archivgutmit einbezogen, impraxisorientiertenKa-
talog aber zunächst nicht berücksichtigt. Aber selbst
die späteren Sammeleinträge der Sonaten sind inso-
fernwertvoll für dieMusikforschung, als sie erkennen
lassen, dass es seither in dieserGruppe vonKomposi-
tionenoffenbarnur geringfügigeVerluste gegebenhat;
die vonFuetsch alsNachträge verzeichneten 83 Sona-
ten dürften (bis auf zwei verloreneWerke) identisch
seinmit den heute noch imAltbestand desDommu-
sikarchivs vorhandenen 81 Sonaten.
Dass auch in Bezug auf Biechteler und Caldara
mit demKatalog von 1822 ungefähr der Stand von
EstlingersKatalogwiederhergestellt wurde, lässt es
plausibel erscheinen, dass beide Inventarien ursprüng-
lich als Verzeichnisse des inVerwendung stehenden
Repertoires beabsichtigtwaren und dass die vielfälti-
genNachträge indenälterenBändengroßteils Spuren
diverser Inventuren darstellen, die nicht notwendiger-
weise auf die tatsächlich geübtemusikalischePraxis
um 1800 schließen lassen. Abgesehen von den nach
1791 geschaffenenWerkenHaydns undGattis dürfte
nur ein geringer Teil der NachträgeNeuanschaffun-
gen repräsentieren.Dennoch erlaubt einVergleichder
sukzessivenEntstehungsschichten der älteren undder
neuerenKatalogbändeEinsichtenhinsichtlichderFra-
ge, wie sich das Repertoire amDom um 1800 und
insbesondere nach der Säkularisation des Erzstiftes
Salzburg verändert hat.
Die starkeKonzentration vonEstlingersKatalogi-
sierungsarbeitaufWerkeeinigerwenigerKomponisten
bringtesmit sich,dassdurchdie imCatalogus „Gatti“
gemachten Nachträge die Gesamtzahl der verzeich-
netenKomponisten drastisch stieg.DurchEinträge
Gattis kamen einzelneWerke von fünfKomponisten
me/ von verschiedenenAuctoren“ sowie ebd.: „21 Sonati
vonBiechteler etBiber“.DerEintragS. 111warSenn: „Der
CatalogusMusicalis“, S. 187, noch entgangen.
94[Rettensteiner/Otter/Schinn]: Biographische Skizze,
S. 18.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Titel
- Musik am Dom zu Salzburg
- Untertitel
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Autoren
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Verlag
- Hollitzer Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Abmessungen
- 21.0 x 30.2 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Kunst und Kultur