Seite - 205 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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6.2 DerCatalogusMusicalisdes SalzburgerDoms
Quellen zweifelsfrei, sonst nurmit demNachnamen
Bezeichnete wird aber wohl gerade daher mit dem
Salzburger Stadtpfarrorganisten JohannEvangelist
Widmannzu identifizieren sein.Bei denmeistenande-
ren ist gesichert, dass sie aus demSalzburgerUmfeld
stammen; lediglich der LinzerDomorganist Johann
BaptistSchiedermayrkonntedemRepertoireamSalz-
burgerDommit einer gewissenNachhaltigkeit einen
überregionalenAnstrich verleihen.105
Es fällt auf, dass abgesehen von einer bescheide-
nen, aber statistisch doch dominierenden Salzburger
Eigenproduktion dieRepertoireerweiterung umund
nach 1800 überwiegend durch Einzelwerke erfolgte,
was sichmöglicherweise alsReflex einer stilistischen
Neuorientierungwerten lässt, die unter Luigi Gatti
eingesetzt und sich in punktuellen „Sondierungsaqui-
sitionen“ geäußert hätte. Gatti wäre nachMichael
HaydnsTod am ehesten derjenige gewesen, der sol-
che Anregungen hätte produktiv umsetzen können.
SeineRezeption aktuellerMusik ist etwa durch seine
Komposition derSchöpfungsmesse nachThemen aus
JosephHaydnsOratoriumprominent belegt106 und
konnte jüngst auch imHinblick aufMozartsRequiem
gezeigtwerden107.GattisTeilhabeam„Stilwandel zur
Jahrhundertwende“ ist ihm bereits von Constantin
Schneider attestiertworden108, und die imRahmen
eines rezenten Salzburger Symposiums aufgeführten
Werke scheinen diese Sicht zu bestätigen.109 Eine
fundierte Beurteilung vonGattisWerk in komposi-
tionsstilistischer Hinsicht steht allerdings noch aus,
105Schiedermayr ist erstmals1808mit einemAufführungsdatum
amDomnachgewiesen (A-Sd,A 1311). FuetschsKatalog
von 1822 enthielt genaudiese eineMesse, die er auch schon
imCatalogus „Gatti“nachgetragenhatte.Mit einerhelleren
Tinte hat er im jüngerenKatalog noch eineMesse hinzuge-
fügt, drei weiterewurden von andererHandmit Bleistift
nachgetragen.Vonden 21Werken in 19 überliefertenMate-
rialien SchiedermayrscherWerke lassen sich einigewenige
gesichert in die Zeit vor Gründung desDommusikverein
undMozarteums datieren, dieweitausmeisten können aber
frühestens in den 1830er-Jahren entstanden sein und einige
werdenwohl erst nach 1841 insRepertoire gekommen sein.
106Laubhold/Neumayr: „...WasmeinBruder in seinenChö-
ren“, S. 61.
107Neumayr: „DieRequiemkompositionenLuigiGattis“, bes.
S. 410–414.
108Schneider:Geschichte derMusik, S. 142.
109Vgl. dazu etwaManfredHermannSchmidsDiskussionsbei-
trag: „Wir hören einen merkwürdig neuen Ton in dieser
Kammermusik vonLuigiGatti, nämlich eineArt frühbür-
gerlichen sentimentalischenTon. Ichmeine das jetzt in gar
keinerWeise negativ – einen vollkommen anderen, neuen
Ton, am stärksten, deutlichsten ausgeprägt imKlarinetten-
trio, das fürmich das aufregendste Stück der letztenTage
war.“Eichmann etal.: „Podiumsdiskussion“, S. 454. unddieAnnahmevonMusikalienerwerbungenzuStu-
dienzwecken bleibt vorerst spekulativ.
Allerdings bleibt das Faktum einer gewissenDiver-
sifizierung bei gleichzeitig nurmäßigemZuwachs des
Repertoires imfrühen19.Jahrhundertbestehen.Wäh-
rend dieGesamtzahl der amSalzburgerDomaufge-
führtenKomponisten imVergleichmit dem18. Jahr-
hundert relativ hoch erscheint, so ist die Zahl neu
angeschaffterWerke doch bescheiden; sie beläuft sich
fürdieDommusikauf zweibis drei proJahr.Dasmag
damitzusammenhängen,dasses jaeinqualitativhoch-
wertigesRepertoire vonder altenDommusik gabund
dass dieses nachder SäkularisationdesErzstiftes und
derAuflösung desHofes offenbar auchweiterhin ge-
pflegtwurde. Inmehrals60QuellenausdemDommu-
sikarchiv ließensichAufführungsvermerkeausderZeit
zwischen 1807 und 1841 nachweisen.110Unter diesen
Quellenbefinden sichmitdreiMessenvonCaldara, je
zweienvonBiechteler undAdlgasser sowie elfWerken
Eberlins beträchtlich viele Kompositionen, die von
niemandemmehrals „zeitgenössisch“wahrgenommen
werden konnten. Die weitaus meisten Aufführungs-
vermerke finden sich inWerkenMichaelHaydns,mit
demviele der im frühen 19. Jahrhundert tätigenMu-
siker noch in persönlichemKontakt gestandenhatten.
Jedenfalls fand–darin stimmenAufführungsvermerke
undCatalogusMusicalis überein – älteresRepertoire
weiterhin und anscheinend ganz selbstverständlich
neben vergleichsweise wenigemNeuenVerwendung.
Manmachte selbstverständlich nach 1807 zunächst
imWesentlichenmit demgleichenRepertoireweiter,
das bis dahin schon in Gebrauch war, zumal trotz
aller politischenWirren und Brüche institutionelle
wie auch personelleKontinuitäten bestanden.
110Mit einer erheblichenDunkelziffer hinsichtlich derAuffüh-
rung älterenRepertoires ist zu rechnen, daAufführungsver-
merke nur sporadisch in den Stimmen angebrachtwurden,
derenVerzeichnung bei derTitelaufnahme auch kaumvoll-
ständig gelungen sein dürfte undüberdies die Suchfunktion
in derRISM-Datenbank derenWiederauffinden in komple-
xenTitelaufnahmenmitmehrerenMaterialschichten nicht
unterstützt.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Titel
- Musik am Dom zu Salzburg
- Untertitel
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Autoren
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Verlag
- Hollitzer Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Abmessungen
- 21.0 x 30.2 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Kunst und Kultur