Seite - 307 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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7.1 Die Sammlung FondoPitti in derBibliothek desConservatorio ‚Luigi Cherubini‘ in Florenz
Zweifellos war Ferdinand anMusik besonders in-
teressiert und wie zahlreiche andereMitglieder der
FamilieHabsburgmusikalisch gut ausgebildet.Wäh-
rend seinesAufenthalts inWien zwischen 1799 und
1803 hatte ermit seiner Schwägerin undKusine,Kai-
serinMarieTherese vonNeapel und Sizilien (1772–
1807)6, derGattin seines älterenBrudersFranz II./I.,
musiziert undwar imRahmender von ihr veranstal-
tetenPrivatkonzerte aufgetreten.7Am29.April 1803,
amTagnach seinerAnkunft in Salzburg, schrieb er
ihr, er wäre vor lauter Audienzen, Papierkramund
Auspacken noch nicht dazugekommen, dasCembalo
anzugreifen, was ihn nicht daran hinderte, umgehend
eineGruppe vonMusikern fürPrivatkonzerte zu or-
ganisieren.8Bald darauf begann er auch, Salzburger
Musik systematisch zu sammeln, indem er einerseits
Aufträge an hier tätigeKomponisten vergab und an-
dererseits umfangreiche Kopieraufträge erteilte. In
der kurzenZeit, die er in Salzburg verbrachte, fügte
er seiner Sammlung eine großeAnzahl vonMusikali-
en hinzu9, darunter auch zahlreicheAbschriften von
Kirchenmusik. Ungefähr 260 handschriftliche Quel-
len von kirchenmusikalischenWerken JohannErnst
Eberlins,AntonCajetanAdlgassers, vor allemaber
JohannMichaelHaydns (1737–1806)undLuigiGattis
(1740–1817), den beiden zur Zeit Ferdinands III. in
Salzburgwirkenden führendenMusikern, haben sich
inFlorenz erhalten.
Unter den damals von ihm inAuftrag gegebenen
Werken findet sich in der SammlungFondoPitti die
autographe Partitur von Luigi GattisOratorio per
il giorno dell’Epifania (I-Fc, F.P.T. 115), das in der
Korrespondenz Ferdinands III. mit Marie Therese
mehrfach erwähntwird.10AuchDominikusHagenau-
6ImFolgendenwird, um sie von ihrerGroßmutter,Kaiserin
MariaTheresia (1717–1780), zuunterscheiden,die auchvon
Rice verwendete französisch-deutscheForm ihresNamens,
MarieTherese, verwendet.
7Rice:EmpressMarie Therese, S. 48ff.
8Ferdinand anMarieTherese, 7.Mai 1803,Wien,Haus-,Hof-
und Staatsarchiv, Familienarchiv (HHStA, Fa), Sammel-
bände (Sb),Kart. 62,ErzherzogFerdinandv.Toskana [...]
anKaiserinMarieTherese, 1803, fol. 5r, zit. in ebd., S. 49.
9Vgl. dazu auchNeumayr/Laubhold: „Gatti and theCollec-
tion of Salzburg Sources“.
10Ferdinand anMarieTherese, 29.Dez. 1804: „L’abateGatti
ha composto unOratorio per l’Epifania che no ho ancora
sentito. Sono curioso di verderne l’esito. Quando sarà stato
eseguito ve ne darò conto.“Haus-,Hof- und Staatsarchiv,
Familienarchiv, Sammelbände,Kart. 63, fol. 23, zit. nach
Rice:EmpressMarie Therese, S. 53; Ferdinand anMarie
Therese, 20. Jän. 1805: „L’oratorio dell’AbateGatti è ries-
citomolto bene, lamusica èmolto difficile a cantarsi, ed a erwar bei derUraufführung diesesWerkes anwesend
und berichtet in seinemTagebuch: „Abends wurde
ichvonHöchstSelben [Ferdinand III.] zurneukompo-
nirtenMusic desKapelmeisterGatti beÿ derKrippe
eingeladen, undblieb demnach beÿmSpiel und beÿ
der Soupé.“11
Kopiaturaufträgemuss Ferdinand III. bereits un-
mittelbarnachseinemEintreffen inSalzburgvergeben
haben, dennMariaAnnaFreifrau vonBerchtold zu
Sonnenburg (1751–1829), geborene Mozart, die zu
jener Zeit mit Breitkopf &Härtel in Leipzig korre-
spondierte, schriebbereits einenMonat später anden
Verlag: „Ich hofe daß esmit überschickung der Jos:
HaidnschenMessen keine Eile habenwird, den der
Copist hat so viel zu thun, dass er nicht einmahl noch
zeit gehabt hat, solche anzufangen selbe abzuschrei-
ben, da aber dieser der Beste hier ist, so wollte ich
sie keinen andern anvertrauen.“12
Dass es derKurfürstwar, der den erwähntenKo-
pisten13mitBeschlag belegte, ist zunächst nur eine
Vermutung, bestätigt sich aber ein Jahr später, als
MariaAnna vonBerchtold zu Sonnenburgwieder an
Breitkopf&Härtel schreibt: „[... ] ich sprachmitdem
copisten, undmusste zumeinemgrösstenVerdrußhö-
ren, dass er nochkeine abzuschreiben angefangenhat,
weil er immer zu viel für denKurfürsten zu schreiben
hat [...].“14
Obwohl sichFerdinandbeiMarieTherese beklagte,
dass die Kopisten in Salzburg nicht so flink seien
wie jene inWien15, haben sie beeindruckendeArbeit
geleistet, denn dieAnzahl der SalzburgerMusikalien
in der SammlungFerdinands III. ist groß:Unter den
256Quellen Salzburger Provenienz, diewir einsehen
suonarsi, e se ha undiffetto, si è che è troppo istrumentata,
e copre le vocima ha piaciuto universalmente. Semai la
desiderateditemelo che la farò subito copiare.“Wien,Haus-,
Hof- undStaatsarchiv,Familienarchiv, Sammelbände,Kart.
65, zit. nach ebd., S. 65.
11Hahnl/Angermüller/Angermüller:Hagenauer. Tagebü-
cher, S. 1021.
12Bauer/Deutsch:Mozart.BriefeundAufzeichnungen,Bd.4,
S. 434.
13Dieser ist inzwischenmit einiger Sicherheit als FelixHofstät-
ter identifiziert worden, vgl.Großpietsch: „Mozart aus
GattisHänden?“, S. 328.
14Bauer/Deutsch:Mozart.BriefeundAufzeichnungen,Bd.4,
S. 439.
15Salzburg, 7. November 1803: „Attualmente si va copiando il
Trionfo dellaChiesa per voi,ma adagio perchè quà i copisti
non sono fulmini comeaVienna e sonomolto agiati.“Wien,
Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Familienarchiv, Sammelbän-
de,Kart. 62, fol. 5r, zit. nachRice:EmpressMarieTherese,
S. 50.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Titel
- Musik am Dom zu Salzburg
- Untertitel
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Autoren
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Verlag
- Hollitzer Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Abmessungen
- 21.0 x 30.2 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Kunst und Kultur