Seite - 327 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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7.2 DieBibliotecamusicale ‚G.Greggiati‘ inOstiglia
nistischenKenntnisse könnten ausgereicht haben, um
einenKlavierauszug zu vereinfachen.62
DieGelegenheit, die Schöpfung in Salzburg nach
denAufführungenindeutscherundfranzösischerSpra-
che auf Italienisch darzubieten, kam1803, als Ferdi-
nand III. vonToskanaKurfürst von Salzburgwurde.
Kurz nach seinerAnkunft in Salzburg schrieb er be-
reits an seineKusine undSchwägerin,KaiserinMarie
Therese: „Heute abend probiere ichmeineMusiker
aus. SiewolltenDie Schöpfungmachen, aber ich ha-
be nicht zugestimmtundhabe gesagt, sie sollen ein
Stückwählen, bei dem ich sie kennenlernen kann“63.
DreiKlavierauszüge derSchöpfung könnten Indizien
dafür sein, dass dasWerk bei anderer Gelegenheit
in einemder späterenPrivatkonzerte desKurfürsten,
vielleicht in reduzierter Besetzung oder überhaupt
mitKlavierbegleitung, erklungen ist.
Maximilian Raab starb bereits 1780, war also in
SalzburgalsHofkopistundMusiker tätig, bevorGatti
seineHofkapellmeisterstelle antrat.Umso erstaunli-
cher ist es, dass sichmitMss.mus. 248 einKonvolut
von seinerHand inderBiblioteca ‚G.Greggiati‘ befin-
det: einePartitur auf italienischemPapier64, gebun-
den in SalzburgerPapier aus derPapiermühle Leng-
feldenmit den Initialen „AFH“.Auf demUmschlag
findet sich,mit Schreibmaschine geschrieben, einTi-
tel aus dem20. Jahrhundert: „LuigiGatti /Cantata
in undici Pezzi / In LodeDel Principe=Archivesovo
diOllmutz /Autografo?Forse“.AndiesemTitel ist
fast alles falsch:Dass dasKonvolut keinAutograph
Gattis beinhaltet, ist leicht zu erkennen,Alessandro
Lattanzi65 war allerdings der erste, der vermutete,
dass es sich nicht, wie der Titel vorgibt, um jene
Kantate handelt, dieGatti für denAbschiedAnton
TheodorColloredos, desErzbischofs vonOlmütz, aus
Mantua66 komponiert hatte, sondern umGiacomo
Rusts (1741–1786)67 verschollene Serenade Il parnaso
62Greggiatis auf demTitelblattmitgeteilterVermutung „cre-
do che siano lavoro dell’Abate Luigi Gatti“ ist in diesem
Zusammenhang keinGlauben zu schenken.
63Vgl. Brief Ferdinand III. anMarie Therese, Salzburg, 12.
Mai 1803, Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Familienarchiv,
Sammelbände,Kart. 62, fol 9r, zit. inRice:EmpressMarie
Therese, S. 48–49.
64Wasserzeichen:VG [countermark: crescentwith facial profile
in cartouche (crowned)].
65EineausführlicheArbeitAlessandroLattanzis zudieserQuel-
le ist inVorbereitung.
66Lattanzi: „LuigiGatti andAntonTheodorColloredo“.
67Vgl.Hintermaier:Die Salzburger Hofkapelle, S. 343–351. confuso, die dieser kurz vor seinemWeggang aus Salz-
burg 1778 noch verfasste.68Aufgeführtwurde diese
am17.Mai 1778 imHoftheater anlässlich derKonse-
kration desErzbischofs vonOlmütz,AntonTheodor
GrafColloredo.DieAbschrift vonMaximilianRaab
ist somit eine der seltenenQuellen, die sich von den
ansonsten fast vollständig verlorenenMusikalien des
SalzburgerHofes erhalten hat.
Weiters hat sich in der Biblioteca ‚G. Greggiati‘
einePartitur vonKyrie,Gloria undCredo der soge-
nanntenProbemesse erhalten,dieDomenicoFischietti
(ca. 1725–nach 1783) zunächst bei seinerBewerbung
alsHofkapellmeister inDresden 1765 und dann 1772
bei der gleichenGelegenheit in Salzburg eingereicht
hatte69 und die am27. Juli 1772 imSalzburgerDom
aufgeführtwurde. In der FolgewurdeDomenicoFi-
schietti von Fürsterzbischof Hieronymus Colloredo
alsHofkapellmeister angestellt. ImSalzburgerDom-
musikarchiv befindet sich das Stimmenmaterial zu
dieser Messe, das sich von der gängigen, normaler-
weise Kyrie bis Agnus durchlaufenden Form unter-
scheidet:Vorhanden sind33StimmenvonMaximilian
Raab für Kyrie undGloria, 29 Stimmen für Credo
vonSchreiber 86und65und29Stimmen für Sanctus,
Benedictus undAgnusDeiwiederumvonMaximilian
Raab, was eine sehr ungewöhnliche und nur in die-
serMesse getroffeneAufteilung derMessteile ist. Bei
diesemStimmenmaterial hat sich auch einePartitur
für Sanctus, Benedictus undAgnus erhalten, die von
Schreiber 377 auf demgleichenPapier kopiert wurde
wie jene ebenfalls von Schreiber 377 stammendePar-
titur desKyrie,Gloria undCredo in derBiblioteca
musicale ‚G. Greggiati‘ in Ostiglia (Sign. Nr. I-OS,
Mss.Mus.B 4483), die Erstere perfekt ergänzt. Schrei-
ber 377 kommt in Salzburg ausschließlich in dieser
Partitur vor und dürfte in Dresden oder Wien zu
verorten sein,wo sichFischietti vor seinerAnstellung
in Salzburg aufhielt.70
68Vgl.Bauer/Deutsch:Mozart. Briefe undAufzeichnungen,
Bd. 2, S. 299: „alle 3 copistenmusten tagundNacht andes
Rust Serenata / Il Parnasso Confuso / schreiben, indem
er fortreisenwollte, solche aber noch in seinerGegenwart
musste probiertwerden, damitH:Haydn, der dasClavier
spielt, in seinerAbwesenheit solche dirrigieren kann“.
69Identifiziertwurde diese Partitur vonAlessandro Lattanzi.
70Leider waren Nachfragen in Dresden nicht von Erfolg ge-
krönt, auchunterdenbisherpubliziertenWienerSchreibern
konnte er nicht nachgewiesen werden. In beiden Städten
gibt es zwar punktuelle Forschungen überKopisten, aber
keinen umfassenden Schreiberkatalog.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Titel
- Musik am Dom zu Salzburg
- Untertitel
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Autoren
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Verlag
- Hollitzer Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Abmessungen
- 21.0 x 30.2 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Kunst und Kultur