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Andrea Sommer-Mathis
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zum Theaterbau und zu den in der antiken Dramentheorie entwickelten drei Bühnen-
gattungen der scena tragica, comica und satirica, die sich für die weitere Entwicklung
der Szenographie als zukunftweisend erweisen sollten.5
In der Antike hatte man bekanntlich Amphitheater mit halbkreisförmig ansteigen-
den Sitzreihen gebaut, die eine freie Fläche, die orchestra, umschlossen. Gespielt wurde
auf einem erhöhten Podium, das von einer fest stehenden, architektonisch reich ge-
gliederten Rückwand, der scænæ frons, abgeschlossen wurde. Diese wurde von meh-
reren Torbögen durchbrochen, die aber für das Spiel keinerlei Bedeutung hatten, weil
die Auftritte und Abgänge der Schauspieler durch Zugänge an den Schmalseiten der
Bühne erfolgten.
Das von Vitruv beschriebene antike Modell blieb in seinen Grundzügen für viele
Theaterbauten der Renaissance bis hin zu Andrea Palladios (1508–1580) Entwurf des
Teatro Olimpico in Vicenza maßgeblich, das 1584 von Vincenzo Scamozzi (1548–1616)
fertiggestellt wurde.6 Der einzige nicht-römische Aspekt dieses Theaters sind die per-
spektivischen Straßenfluchten hinter den Öffnungen der Prunkfassade, die den Ein-
druck von Tiefenräumlichkeit erwecken sollten. Sie sind jedoch in erster Linie de-
korative Elemente im Rahmen der Architektur der Schauwand und durch die starke
perspektivische Verkürzung und den erheblich ansteigenden Bühnenboden praktisch
nicht bespielbar.
Mit dem Teatro Olimpico erreichten die antikisierenden scænæ frons-Versuche nach
dem Vorbild Vitruvs einen letzten Höhe-, gleichzeitig aber auch den Endpunkt dieser
Entwicklung, denn schon seit Beginn des 16. Jahrhunderts hatten die Renaissance-
maler die neue Errungenschaft ihrer Epoche, die Perspektive, auch für die Bühnenbild-
gestaltung genutzt und sich von der antiken Reliefbühne abgewandt und stattdessen
die tiefenräumliche Perspektivbühne entwickelt.7
Es sind hier vor allem zwei Künstler zu nennen, die entscheidend an der praktischen
wie theoretischen Etablierung dieses Bühnentypus mitgewirkt haben: Baldassarre
Abweichungen in der Formgebung beim Theater der Griechen; Neuntes Kapitel, S. 236–243: Säulengänge
und Wandelhallen hinter den Bühnenhäusern.
5 Vitruv 1976, S.
233/235: »9. Es gibt aber drei Arten von Dekorationen: die eine nennt man die tragische,
die zweite die komische, die dritte die satyrische. Ihr Schmuck ist aber untereinander von unähnlicher
und ungleicher Art, weil die tragischen Dekorationen mit Säulen, Giebeln, Bildsäulen und den übrigen
Gegenständen, die zu einem Königspalast gehören, gebildet wird
[sic!]. Die komische Dekoration bietet
den Anblick von Privathäusern, Erkern und durch Fenster gegliederten Vorsprüngen in Nachahmung
nach der Art der gewöhnlichen Häuser. Die satyrische Dekoration wird mit Bäumen, Grotten, Bergen
und anderen Gegenständen ausgeschmückt, wie man sie in der Landschaft antrifft, nach Art eines ge-
malten Landschaftsbildes.«
6 Vgl. u. a. Scamozzi 1615; Arnaldi 1762; Tintelnot 1939, S.
33–35; Nogara 1972; Gioseffi 1974; Puppi
1980; Schiavo 1980 (21986); Pochat 1990, S.
273–277; Deborre 1996; Mazzoni 1998; Beyer 2009; Avag-
nina 2011.
7 Vgl. zur Bühnenperspektive u. a. Schöne 1933; Dietrich 1960; Dietrich 1970 (dort auch die wichtigs-
ten Traktate, S. 14–16, Fußnote 30); Povoledo 1982.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur