Seite - 244 - in Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa - Hof – Oper – Architektur
Bild der Seite - 244 -
Text der Seite - 244 -
Andrea Sommer-Mathis
244
wesentlich die Länge der Akte, während die Dauer, die man für das Heraufkurbeln der
Gegengewichte benötigte, die Zeit bis zum nächsten Bühnenbildwechsel festlegte.
Die technische Entwicklung des barocken Maschinentheaters vollzog sich natürlich
nicht unabhängig von derjenigen der dramatischen Gattungen
– ganz im Gegenteil, sie
ging Hand in Hand mit der Entstehung der neuen Gattung des Musikdramas an der
Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert.
Die Florentiner Intermedien und die ›Erfindung‹ der Oper
Als erstes Werk der neuen Gattung Oper gilt im Allgemeinen La Dafne von Ottavio
Rinuccini (1562–1621) und Jacopo Peri (1561–1633), die 1598 in Florenz zur Aufführung
gelangte. Von demselben Librettisten stammt auch eine Euridice, die zweimal vertont
wurde, 1600 von Peri und 1602 von Giulio Caccini (1551–1618). Und schließlich ent-
stand 1607 Claudio Monteverdis (1567–1643) berühmte und auch heute noch oft ge-
spielte Oper L’Orfeo auf einen Text von Alessandro Striggio d.
J. (1573–1630).
Für die szenische Umsetzung dieser ersten Opern erwiesen sich die Florentiner In-
termedien als entscheidende Wegbereiter.41 Sie waren ursprünglich einfache Gesangs-
oder Tanzeinlagen, die zwischen den einzelnen Akten eines Dramas eingeflochten wur-
den, jedoch ohne jeden Bezug zu dessen Handlung waren. Bald gestaltete man diese
Zwischenspiele zu immer aufwändiger inszenierten, spektakulären Szenen aus, die ein
Eigenleben zu entfalten begannen und das Publikum weit mehr in ihren Bann zogen
als die Komödien, für die sie geschaffen worden waren, denn hier konnte man die Er-
rungenschaften der neuen Bühnentechnik bewundern.
Modellcharakter besaßen die sechs Florentiner Intermedien von 1589 zur Komö-
die La Pellegrina von Girolamo Bargagli (1537–1586) in der Bühnenausstattung von
Bernardo Buontalenti (1531–1608), dem Architekten, Maler, Bühnenbildner und Fest-
arrangeur der Medici. Die Radierungen der Bühnenbilder Buontalentis zu den Interme-
dien trugen wesentlich zur raschen Verbreitung der neuen italienischen Dekorations-
kunst bei.42
Das Hauptstück, die Komödie La Pellegrina wurde hingegen in einer traditionellen
Einheitsdekoration gespielt, die ganz in der Tradition des Serlio’schen Typus der scena
comica steht. Welche Vorbildwirkung diese Dekoration hatte, erkennt man auch da-
41 Vgl. zum Theater am Florentiner Hof u. a. Nagler 1958; Nagler 1964; Mamone 1981; Mamone 2003;
Mamone 2015; Testaverde 2015; Mamone 2016.
42 Vgl. zu Buontalenti und zur Aufführung von 1589 u. a. Tintelnot 1939, S. 25–33; Fabbri / Garbero
Zorzi / Petrioli Tofani 1975, S.
41–42, 110–116 (Kat.-Nr.
8.6–20); Mancini / Muraro / Povoledo 1975,
S. 41–48; Blumenthal 1980, S. 2–13; Greisenegger 1981, S. 15–20; Greisenegger 1981; Testaverde
1991; Saslow 1996; Küster 2003, S. 122 (Kat.-Nr. 75 a / b); Sommer-Mathis / Franke / Risatti 2016,
S.
63, 72–73, 273–274 (Kat.-Nr. 3.1–4), Buccheri 2017, S. 71–94.
zurück zum
Buch Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa - Hof – Oper – Architektur"
Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur