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GIOVANNI ANGELINI BONTEMPIS
IL PARIDE (DRESDEN 1662) IM SPANNUNGSFELD
ZWISCHEN HÖFISCHER REPRÄSENTATION UND
KÜNSTLERISCHER AMBITION
Klaus Pietschmann
Giovanni Bontempis Il Paride genießt in der Opernhistoriographie gewisse Prominenz, v.
a.
weil die Uraufführung anlässlich der Hochzeit der sächsischen Kurprinzessin Erdmuthe
Sophie und des Markgrafen Christian Ernst von Brandenburg Bayreuth im November
1662 den Beginn der langen Tradition der italienischen Oper am Dresdner Hof markiert
und zugleich die erste italienischsprachige Musiktheateraufführung an einem protestan-
tischen Hof überhaupt darstellt.1 Ausgehend von der Dresdner Dafne von Heinrich Schütz
und Martin Opitz im Jahre 1627 hatte sich in den protestantischen Reichsteilen eine rein
deutschsprachige Operntradition etabliert. Die Entscheidung für eine italienische Oper
in Dresden bedeutete also einen Bruch, der im Zusammenhang mit dem Bestreben des
sächsischen Hofes zu sehen ist, seine Repräsentationskultur nach Wiener Vorbildern aus-
zurichten, wo die italienische Oper dominierte. Bontempi war 1650 als Kastrat nach sei-
ner Ausbildung in Rom und erster Anstellung in Venedig nach Dresden gelangt und, ge-
fördert von Heinrich Schütz, bald zum Kapellmeister ernannt worden. Diesem widmete
er den 1660 im Druck erschienenen Traktat Nova quattuor vocibus componendi methodus,
worin sich einerseits sein gutes Einvernehmen mit dem hoch angesehenen lutherischen
Amtskollegen auch über die Konfessionsgrenzen hinweg niederschlägt. Darüber hinaus
jedoch demonstriert die Schrift den für italienische Sänger- und Komponistenvirtuosen
eher ungewöhnlichen Versuch, sich als umfassend gebildeter musicus zu inszenieren, der
neben dem musikalischen Handwerk auch die Theorie beherrscht. Am Dresdner Hof
avancierte er nachfolgend zu einer Art uomo universale: Neben der Komposition fungierte
er als Bühnenarchitekt und Maschinenmeister, befasste sich mit der Konstruktion von
Uhren sowie der Mosaikkunst und betätigte sich als Historiograph. Nach 1680 führte er
in Perugia ein Gelehrtendasein, das 1695 in der Publikation der Historia musica sowie der
nachfolgenden Aufnahme in die Accademia degli Insensati gipfelte.
Auch Il Paride stellt ein ebenso ambitioniertes wie ungewöhnliches Unternehmen dar.
Bontempi trat hier erstmals als Komponist hervor und verfasste zugleich auch das Libretto
selbst. Singulär ist überdies, dass die Partitur einige Jahre später in einem undatierten,
vollständigen Druck erschien – seit dem Ende der 1630er Jahre bis weit ins 18. Jahrhun-
1 Der vorliegende Beitrag umfasst überarbeitete Passagen aus den folgenden Publikationen: Pietsch-
mann 2015; Pietschmann 2016; Pietschmann 2018.
Veröffentlicht in: Margret Scharrer, Heiko Laß, Matthias Müller: Musiktheater im höfischen
Raum des frühneuzeitlichen Europa. Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2019.
DOI: https://doi.org/10.17885/heiup.469
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur