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Klaus Pietschmann
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die erwähnten Episoden die Haupthandlung in einem Maße überlagern, wie es für die
von Cavalli und Cesti vertonten Libretti Giacinto Andrea Cicogninis, Francesco Butis
u. a. untypisch ist. Offensichtlich ging es Bontempi primär um die Darstellung vielfäl-
tiger Spielarten der Liebesthematik – passend zum Anlass ein »musikalisches Liebes-
spiel« eben, das sich als teils humorvoller, teils moralisierender Spiegel für Brautpaar
und Hofgesellschaft verstehen lässt. Die Parallelsetzung von Paris und Helena mit den
Brautleuten wird etwa in Szene 8 des 4. Akts deutlich, in der sich ein deutlicher Rekurs
auf das Beilager-Zeremoniell erkennen lässt,9 das sich an die Trauung angeschlossen
hatte: »Helena überwunden, von so mächtigem Anfalle, wirft sich auff das Bette, und
macht aus ihren Armen eine Liebes-Kette, um des Paris Hals; Und indem sie einander
küssen, macht Amor die Fürhänge zu, und geht aus den Gemächern.«10
Passend zu der Eigenständigkeit und Neuartigkeit erscheint es dabei, dass Bon-
tempi hinsichtlich dieser Episoden offenbar keinerlei Vorlagen aufgreift. Eine bemer-
kenswerte Ausnahme betrifft allerdings die 6. Szene des 1. Akts, in der ein prominentes
literarisches Vorbild anklingt: Jupiters Benennung des Schiedsrichters, die erste Erwäh-
nung des Paris in der Oper überhaupt, kleidet er in die Worte Clizios aus dem 2. Gesang
von Giambattista Marinos 1623 veröffentlichtem Epos Adone, die im Zusammenhang
mit der Schilderung des Parisurteils fallen. Dort heißt es in der 60. und 61. Ottava:
Pastor vive tra’ boschi, in Frigia nato,
ma sol nel nome e ne l’ufficio è tale,
ché, s’ancor non tenesse invido fato
chiuso tra roze spoglie il gran natale,
al mondo tutto il suo sublime stato
conto fora e ’l legnaggio alto e reale.
Di Priamo è figlio, imperador troiano,
di Ganimede mio maggior germano.
Paride ha nome, e non è forse indegno
ch’egli tra voi la question decida,
poich’ha l’integrità pari a l’ingegno
da poter acquetar tanta disfida.
Sconosciuto si sta nel patrio regno
dove il Gargaro altier s’estolle in Ida.
Itene dunque là, colui che porta
l’ambasciate del ciel vi sarà scorta.11
[Hervorhebung durch den Verf.]
9 Deppe 2006, S.
98.
10 Bontempi 1970, ohne Pag.
11 Zitiert nach Russo 2013, S. 255.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur