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Giovanni Angelini Bontempis Il Paride (Dresden 1662)
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nella contemplation de’ suoi soliti silentii.«21 Die floskelhafte Topik dieser Bemerkung
rechtfertigt nicht nur die im Rahmen einer Festoper ungewöhnliche Exposition autor-
schaftlichen Selbstbewusstseins, sondern reklamiert zugleich den Kunstcharakter des
»Erotopaegnion Musicum« Il Paride und eine Überlegenheit gegenüber anderen Fest-
opern traditionellen Zuschnitts, die explizit in den Dienst einer Überhöhung des Anlas-
ses gestellt wird und damit auch eine Überbietung des Pariser Ercole amante impliziert.
Der Partiturdruck
Einen Sonderfall anderer Art stellt der Partiturdruck dar, der einige Zeit nach der Auf-
führung erschien. Auch er stellt prinzipiell kein Novum dar und knüpft an die Praxis
der frühen Opernpartiturdrucke an, die in den 1660er Jahren jedoch längst obsolet
war. In der Vorrede an den Leser begründet Bontempi die Drucklegung mit der starken
Nachfrage nach Partiturabschriften, die ihn seit der Aufführung 1662 erreicht habe.
Überdeutlich ist jedoch sein Bestreben, sich mit dem Druck in die Ahnenreihe der
Pioniere der Gattung einzuschreiben. Neben den weitschweifigen opernästhetischen
Ausführungen ist es insbesondere die Aussage, die Oper auf dem »Teatro del Mondo«
präsentieren zu wollen,22 die das Vorhaben in Beziehung zu Monteverdis L’Orfeo setzt,
der den Partiturdruck mit einem Erscheinen der Oper auf dem »gran Teatro dell’uni-
verso« gleichsetzte.23 Der ursprüngliche Aufführungsanlass wird dagegen mit keinem
Wort erwähnt.
Dennoch ließ sich der Druck zur Propagierung des Opernstandortes Dresden und
der Erinnerung an den Entstehungsanlass einsetzen. Hierauf deutet der ungewöhn-
liche Umstand, dass keine Angaben zu Drucker und Druckjahr enthalten sind. Ei-
nem datierten Besitzvermerk im Wolfenbütteler Exemplar ist das Jahr 1671 als Ter-
minus ante quem zu entnehmen,24 und ferner lässt das Druckbild vermuten, dass
die Partitur ebenso wie das Libretto von Melchior Bergen gedruckt wurde. Offenbar
sollte eine unmittelbare Verbindung zu dem Aufführungsanlass suggeriert und da-
mit die Widmung des Librettos an das Brautpaar implizit übernommen werden. Die
Überlieferungsstreuung lässt darauf schließen, dass die Partitur systematisch ver-
schickt wurde. Es haben sich mehrere Exemplare erhalten, die offenbar mit Bedacht
21 Bontempi 1662, ohne Pag.
22 Bontempi 1970, ohne Pag. Das diesem Facsimile zugrunde liegende Exemplar (nicht identifiziert, ver-
mutlich Museo internazionale e Biblioteca della musica di Bologna) enthält die Vorrede in italienischer
und deutscher Sprache, das Exemplar der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel lediglich in Italie-
nisch.
23 Monteverdi / Striggio 1609.
24 »Ferdinando Alberto Duca di Brunswick e Luneburgo. Luchaw. 1671.« Bontempi 1662 (Wolfenbüttel,
Herzog August Bibliothek, 13 Musica div. 2°).
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur