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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa - Hof – Oper – Architektur
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Die gespiegelte Inszenierung? 463 Eine Frage wirft jedoch die große und prächtige Mittelloge des Großen Leopol- dinischen Hoftheaters in der Wiener Hofburg auf.10 Deren Benützung und Funktion ist insofern unklar, als davon auszugehen ist, dass im Großen Hoftheater ›öffentlich‹ gesessen wurde, d.  h. in der zeremoniellen Sitzordnung im Parterre noble. Ob schon unter Kaiser Leopold  I. (reg. 1658–1705), der den Bau wohl initiierte, oder unter seinen Söhnen Joseph  I. (reg. 1705–1711) bzw. Karl  VI. (reg. 1711–1740) bereits ein Wechsel in die Mittelloge nach italienischem Vorbild angedacht war,11 oder ob diese Loge anderen Mitgliedern der Kaiserfamilie oder des Hofes zur Verfügung stand, kann nach aktu- ellem Forschungsstand nicht beantwortet werden. Dieser Wechsel von der Mitte der ersten Reihe im Parterre in die große Mittelloge vollzog sich in vielen europäischen Residenztheatern in der ersten Hälfte des 18.  Jahrhunderts12  – am Wiener Hof hielt man jedoch lange am ›öffentlichen Sitzen‹ fest, v.  a. wenn es um Feiern politisch oder dynastisch wichtiger Ereignisse ging. Der Rückzug des Herrschers aus dem Parterre bedeutete einen Rückzug aus dem Fokus des zeremoniellen Geschehens  – der Herr- scher wurde vom Betrachteten zum Betrachter, gleichsam primus inter pares mit den anderen Mitgliedern der Hofgesellschaft. Aus dieser Perspektive kann auch die Em- pörung des Oberstkämmerers Johann Joseph Graf Khevenhüller-Metsch verstanden werden über den Wunsch von Franz Stephan von Lothringen, den Gemahl von Maria Theresia (reg. 1740–1780), bei der Wiederholung der Oper Ipermestra Publikum und nicht mehr Teil der Gesamtinszenierung sein zu wollen, da der offizielle Akt bereits mit der Festaufführung am Tag der Vermählung von Erzherzogin Maria Anna und Karl von Lothringen am 8. Jänner 1744 über die Bühne gegangen war: »Den 18. wohnten die Herrschafften, worunter ich nunmehro das neue Ehepaar meistentheils mit ver- stehe, der zweiten Repraesentation der Opera  [Ipermestra  /  Metastasio, Hasse] bei, und weillen dem Herzog ungelegen ware, so lang in Parterre  – wo nach alte Gewohnheit der Hoff zuzusehen pflegt  – zu sitzen, so befahl die Königin, daß mann auf der einen 10 Karner 2014, S.  373–376 (Herbert Karner) und S.  481–483 (Andrea Sommer-Mathis). Vgl. dort auch den Stich von Johann Andreas Pfeffel und Christian Engelbrecht mit einer Ansicht des Gro- ßen Leopoldinischen Hoftheaters gegen die zentrale Loge (München, Deutsches Theatermuseum, Inv.-Nr.  VII/550). 11 Mangels Quellen muss diese Annahme rein hypothetisch bleiben, doch sind durchaus Überlegungen denkbar, sich bei weniger »staatstragenden« Aufführungen (beispielsweise im Fasching) in die beque- mere Mittelloge zurückzuziehen, die freie Beweglichkeit während der Aufführung ermöglichte. Dass der in Fragen des Zeremoniells unnachgiebige und konservativ denkende Karl  VI. dagegen an der bis- herigen Praxis im Parterre noble festhielt, scheint fast zwingend logisch. Es sollte auch in Erwägung gezogen werden, dass der Bau der Loge aus rein optischen Gründen erfolgt sein könnte, weil dieses Theatermodell zur Errichtungszeit in Italien bereits modern war. 12 Dazu Schrader 1988. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Veränderung des Blickwinkels aus der Mit- telloge eine Veränderung des Bühnenbildes bzw. der Inszenierungen (»Himmelserscheinungen« sind aus dieser Perspektive weit weniger spektakulär als vom Parterre aus gesehen) beeinflussten, oder ob neue Techniken der Perspektivmalerei, die aus dem erhobenen Blickwinkel eine bessere Wirkung ent- falteten, den Rückzug beeinflussten; Sommer-Mathis 1995, S.  520.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa Hof – Oper – Architektur
Titel
Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Untertitel
Hof – Oper – Architektur
Autoren
Margret Scharrer
Heiko Laß
Herausgeber
Matthias Müller
Verlag
Heidelberg University Publishing
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-SA 4.0
ISBN
978-3-947732-36-4
Abmessungen
19.3 x 26.0 cm
Seiten
618
Schlagwörter
Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
Kategorie
Kunst und Kultur
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