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Die gespiegelte Inszenierung?
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Eine Frage wirft jedoch die große und prächtige Mittelloge des Großen Leopol-
dinischen Hoftheaters in der Wiener Hofburg auf.10 Deren Benützung und Funktion
ist insofern unklar, als davon auszugehen ist, dass im Großen Hoftheater ›öffentlich‹
gesessen wurde, d. h. in der zeremoniellen Sitzordnung im Parterre noble. Ob schon
unter Kaiser Leopold
I. (reg. 1658–1705), der den Bau wohl initiierte, oder unter seinen
Söhnen Joseph
I. (reg. 1705–1711) bzw. Karl
VI. (reg. 1711–1740) bereits ein Wechsel in
die Mittelloge nach italienischem Vorbild angedacht war,11 oder ob diese Loge anderen
Mitgliedern der Kaiserfamilie oder des Hofes zur Verfügung stand, kann nach aktu-
ellem Forschungsstand nicht beantwortet werden. Dieser Wechsel von der Mitte der
ersten Reihe im Parterre in die große Mittelloge vollzog sich in vielen europäischen
Residenztheatern in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts12 – am Wiener Hof hielt
man jedoch lange am ›öffentlichen Sitzen‹ fest, v. a. wenn es um Feiern politisch oder
dynastisch wichtiger Ereignisse ging. Der Rückzug des Herrschers aus dem Parterre
bedeutete einen Rückzug aus dem Fokus des zeremoniellen Geschehens – der Herr-
scher wurde vom Betrachteten zum Betrachter, gleichsam primus inter pares mit den
anderen Mitgliedern der Hofgesellschaft. Aus dieser Perspektive kann auch die Em-
pörung des Oberstkämmerers Johann Joseph Graf Khevenhüller-Metsch verstanden
werden über den Wunsch von Franz Stephan von Lothringen, den Gemahl von Maria
Theresia (reg. 1740–1780), bei der Wiederholung der Oper Ipermestra Publikum und
nicht mehr Teil der Gesamtinszenierung sein zu wollen, da der offizielle Akt bereits
mit der Festaufführung am Tag der Vermählung von Erzherzogin Maria Anna und Karl
von Lothringen am 8. Jänner 1744 über die Bühne gegangen war: »Den 18. wohnten
die Herrschafften, worunter ich nunmehro das neue Ehepaar meistentheils mit ver-
stehe, der zweiten Repraesentation der Opera
[Ipermestra / Metastasio, Hasse] bei, und
weillen dem Herzog ungelegen ware, so lang in Parterre – wo nach alte Gewohnheit
der Hoff zuzusehen pflegt – zu sitzen, so befahl die Königin, daß mann auf der einen
10 Karner 2014, S. 373–376 (Herbert Karner) und S. 481–483 (Andrea Sommer-Mathis). Vgl. dort
auch den Stich von Johann Andreas Pfeffel und Christian Engelbrecht mit einer Ansicht des Gro-
ßen Leopoldinischen Hoftheaters gegen die zentrale Loge (München, Deutsches Theatermuseum,
Inv.-Nr. VII/550).
11 Mangels Quellen muss diese Annahme rein hypothetisch bleiben, doch sind durchaus Überlegungen
denkbar, sich bei weniger »staatstragenden« Aufführungen (beispielsweise im Fasching) in die beque-
mere Mittelloge zurückzuziehen, die freie Beweglichkeit während der Aufführung ermöglichte. Dass
der in Fragen des Zeremoniells unnachgiebige und konservativ denkende Karl VI. dagegen an der bis-
herigen Praxis im Parterre noble festhielt, scheint fast zwingend logisch. Es sollte auch in Erwägung
gezogen werden, dass der Bau der Loge aus rein optischen Gründen erfolgt sein könnte, weil dieses
Theatermodell zur Errichtungszeit in Italien bereits modern war.
12 Dazu Schrader 1988. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Veränderung des Blickwinkels aus der Mit-
telloge eine Veränderung des Bühnenbildes bzw. der Inszenierungen (»Himmelserscheinungen« sind
aus dieser Perspektive weit weniger spektakulär als vom Parterre aus gesehen) beeinflussten, oder ob
neue Techniken der Perspektivmalerei, die aus dem erhobenen Blickwinkel eine bessere Wirkung ent-
falteten, den Rückzug beeinflussten; Sommer-Mathis 1995, S. 520.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur