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Elisabeth Hilscher, Anna Mader-Kratky
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Gallerie vorwärts eine Logi zurichten solle, zu welcher der Herzog nach Belieben zu
und abgehen kunte.«13
Obwohl das alte Leopoldinische Hoftheater, das für diese Vorstellung zum letzten
Mal genutzt wurde, über die bereits erwähnte prachtvolle Mittelloge verfügte, wurde
offenbar nicht diese vom Großherzog genützt, sondern eine weiter vorne liegende Loge
»zugerichtet«. Und auch als Kaiser schätzte Franz
I. Stephan (reg. 1745–1765) offenbar
Zeremonien wenig, die ihn in seiner Bewegungsfreiheit einengten, und zog die Jagd
oder das Billardspiel großen repräsentativen Ereignissen vor, wie Khevenhüller-Metsch
kritisch anmerkte: »allein der Kaiser thut sich nicht gern geniren und ist kein Liebhaber
von dergleichen großen Zusammenkünfften; wie er dann von darumen an denen Ap-
partementstägen, meistentheils Sommerzeit, auf die Jagd zu gehen und Winters Billard
zu spillen pflegt.«14 Die neuen Hoftheater, die unter Maria Theresia errichtet wurden,
trugen dem jedenfalls Rechnung, indem sie durch Größe (bzw. intime Kleinheit) und
Flexibilität der Sitzordnungen den Herrscher und seine Familie die Rollen zwischen Be-
trachtern und Betrachteten wechseln ließen.
2 Die mariatheresianischen Theaterbauten
2.1 Das Alte Burgtheater
Die erste bauliche Initiative, die Maria Theresia nur wenige Monate nach ihrem Regie-
rungsantritt (1740) in der Wiener Hofburg setzte, war die Umwidmung des ehemaligen
Ballhauses in ein heute nicht mehr erhaltenes Hoftheater, das wechselweise als Theater
bzw. Opernhaus nächst der Burg und später als Altes Burgtheater bezeichnet wurde (in
Unterscheidung zum historistischen Bau an der Ringstraße).15 Die Entscheidung für
einen Umbau des Ballspielhauses erfolgte im März 1741 und war in mehrerlei Hinsicht
erstaunlich: So fiel die Gründung des Hoftheaters in eine politisch prekäre Zeit, denn
die junge Regentin befand sich seit dem Einfall des preußischen Königs Friedrich II.
in Schlesien am 16. Dezember 1740 in kriegerischer Auseinandersetzung um ihr Erbe.
Als erste weibliche Herrscherin aus dem Hause Habsburg musste Maria Theresia ihre
Stellung in den Erblanden erst festigen, und weder die ungarische noch die böhmische
Königskrönung hatten zu Beginn des Jahres 1741 Bestätigung durch die Stände ge-
funden.16
13 Khevenhüller-Metsch, Bd. 1 (1907), S. 205.
14 Khevenhüller-Metsch, Bd. 2 (1908), S. 156 (13. Mai 1747, Geburtstag Maria Theresias).
15 Zur Baugeschichte des Alten Burgtheaters vgl. Schindler 1976a; Schindler 1976b; Lorenz / Ma-
der-Kratky 2016, S. 134–140 (Andrea Sommer-Mathis und Manuel Weinberger).
16 Zuletzt Stollberg-Rilinger 2017, S. 66–144.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur