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Karin Fenböck
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Repertoire etwa der letzten 40 Jahre geprägt worden war. Neben klassischen Autoren
wie Molière und Marivaux wählte man auch Stücke aus, die in Paris erst vor wenigen
Jahren uraufgeführt worden waren. Anhand des so genannten Répertoires96 lässt sich
nachvollziehen, dass die meisten Stücke, die vor 1752 in einer Kinder- oder Kavaliers-
theatervorstellung bei Hof aufgeführt wurden, später auch am Spielplan des neu ge-
gründeten französischsprachigen Theaters nächst der Burg standen. Die Jahre zwischen
etwa 1740 und 1752 stellen eine Übergangszeit dar, während der sich das kulturelle Ge-
füge nicht zuletzt aufgrund politischer Faktoren in Richtung französischer Kunst und
Kultur verschob, wodurch sich auch der theatralische Stil und zumindest zum Teil die
Vorlieben des Publikums wandelten. Der gesellschaftlich tonangebende Hof und seine
Kulturproduktion stellten einen sichtbareren Gradmesser dieser Veränderungen dar.
Die im Rahmen der Kammerfeste stattfindenden höfischen Liebhaberaufführungen
waren ebenso wie alle anderen Handlungen der Mitglieder der kaiserlichen Familie in
das höfische Zeremoniell eingebettet. Damit waren sie Teil der »symbolischen, poli-
tisch hoch aufgeladenen Kommunikation zwischen Monarch und Untertanen«97 im
Allgemeinen, im Speziellen hauptsächlich Teil der Kommunikation mit dem höfischen
Adel, den höfischen Amtsträgern sowie den Verwaltungsangestellten. Zeremoniell,
verstanden als »sinnlich erfahrbare Darstellung von sozialem Rang, die sichtbare und
hörbare Verwirklichung von […] Statuspositionen«,98 von höfischen Rangordnungen,
wurde nicht nur über Kleiderordnungen, Rangfolgen bei höfischen Veranstaltungen
etc. wirkmächtig, sondern auch über die Regulierung der Teilnahme, der Zutritte und
der Sitzordnungen der Kavalierstheateraufführungen am Kaiserhof. Gerade dieser
quasi-intime Charakter der Darbietungen eröffnete ein Spannungsfeld höfischer Re-
präsentation, adeliger Statusdarstellung und kulturpolitischer Demonstration. Für die
höfischen Adeligen ebenso wie für die ausländischen Gäste und Diplomaten stellte eine
Einladung zu den Kavalierstheateraufführungen im »nicht-öffentlichen« Rahmen der
kaiserlichen Räumlichkeiten ein besonderes Privileg dar. Der Machtanspruch einiger
weniger großer Familien, die den Großteil der bedeutenden Hofämter für sich bean-
spruchen konnten, wurde noch gefestigt durch deren Teilnahme als Mitwirkende an
den höfischen Kavalierstheateraufführungen. Teilnehmende an den Kavalierstheater-
aufführungen sind neben den Angehörigen der kaiserlichen Familie häufig Personen,
die als Kämmerer oder Hofdamen ein Ehrenamt als »Einstiegsposten« in eine höfische
Ämterlaufbahn innehatten99 und deren Sichtbarkeit sich dadurch deutlich erhöhte.
Die eigens für die Kinder- und Kavalierstheatervorstellungen adaptierten Räumlich-
keiten wurden also vermutlich im Hinblick auf mehrere Aspekte ausgewählt: Abgesehen
96 Vgl. Anonymus 1757.
97 Pangerl /
Scheutz / Winkelbauer 2007, S. 9.
98 Ragotzky /
Wenzel 1990, S. 183.
99 Vgl. dazu Scheutz /
Wührer 2007, S. 16–17.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur