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»Meisterstücke der Erfindung« und konkrete Wirklichkeit
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ausgebaut und im Zuge dieser Arbeiten wurde die etwa einen Kilometer lange Allee
1663 von Markgraf Christian Ernst angelegt.36
Solche Pflanzungen, die noch heute durch ihre Länge und Geschlossenheit beein-
drucken, dürften bestimmt auf Carlos künstlerisches Interesse gestoßen sein, umso
mehr als sich ihre Gestaltung auf perspektivisch zugespitzte Lösungen wie im »Pal-
menwald« übertragen ließ.
Die Ungewöhnlichkeit von Carlos Bühnenbild wurde von den Zeitgenossen sofort
erfasst, sie konnten sich der Macht solcher Überwältigungsästhetik nicht entziehen.
Luigi Crespi, der viele biographische Notizen zu den Mitgliedern der Familie Galli Bi-
biena zusammengetragen hat, erwähnt in seinem Abschnitt über Carlo gerade die-
ses Bühnenbild. Ihmzufolge erbat sich Friedrich der Große nach der Aufführung im
Markgräflichen Opernhaus eine Zeichnung, einen Ricordo.37 Wie hoch Carlo selbst
seine Bilderfindung eingeschätzt hat, mag man daran ermessen, dass er sein Kompo-
sitionsschema zu einem unbekannten Zeitpunkt nochmals aufgegriffen hat. Ein eben-
falls in der Morgan Library & Museum befindliches Blatt weist durch die Bezeichnung:
»Architetto: Carlo Galli D Bibiena il(s?) inventor: il fecit: il: il:« Carlo als Autor aus.
Es zeigt eine langgestreckte Galerie. Den durchfensterten Wänden sind Säulenpaare
vorgelagert, auf deren Gebälk Konsolen ruhen, die die Kassettendecke tragen. Wie im
Palmenwald fluchtet der Raum entlang der Konstruktionslinien rasant in die Bildtiefe.
In beiden Fällen ist der Fluchtpunkt aus der Mitte des Blattes nach links verschoben, so
dass die Dynamik noch zusätzlich gesteigert wird.38
Der »Palmenwald« ist aber nicht nur im Hinblick auf seine Komposition interes-
sant. Der Einfall, eine Handlungsepisode in einen Palmenwald zu verlegen, und Carlos
Ausführung im Bühnenbild gehen der Einrichtung des Palmenzimmers im Neuen
Schloss in Bayreuth voraus (Abb. 14).39 Es handelt sich um eine langgestreckte, raum-
hoch mit Nussbaumfurnier vertäfelte Galerie. In gleichmäßigen Abständen wurden ge-
schnitzte Palmen appliziert, deren vergoldete Wedel in die Decke ausgreifen. Anders
als auf der Bühne konnte der Palmenhain nun tatsächlich betreten werden. Dieser un-
gewöhnliche Raum, der zwischen den Paradezimmern und den Gesellschaftszimmern
36 1792 allerdings wurde sie abgeholzt. Heute ist sie durch eine Neupflanzung (1986–1992) ersetzt, die mitt-
lerweile schon einen recht guten Eindruck davon gibt, wie man sich ihr Aussehen im 18. Jahrhundert
vorstellen darf. Ein Abriss der Chronologie und aktuelle Fotographien in: Förderkreis 2018.
37 Crespi 1769, S. 95. Adelheid Rasche hat darauf aufmerksam gemacht, dass gerade Carlos Bühnenbild
Friedrich II. angeregt haben dürfte, für die ein Jahr später in Berlin nach seinem Libretto aufgeführte
Oper Montezuma als Eröffnungsbild »Tre gran viale di palme nel Giardino Imperiale« zu wählen. Ra-
sche 1999, S. 118–119.
38 Morgan Library & Museum, Thaw Collection; Drawing: http://www.themorgan.org/drawings/
item/246982 [letzter Zugriff am 25.2.2018].
39 Entgegen meiner früheren Ausführungen (Krückmann 1998, Kat. Nr. 299; Ball-Krückmann 2009)
dürfte das Palmenzimmer erst nach 1754 entstanden sein, wahrscheinlich ab 1757 im Zuge des weiteren
Ausbaus des Neuen Schlosses. Jahn 1990, S. 152–153.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur