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Projektion der Ferne: exotische Räume im französischen Musiktheater des 17. Jahrhunderts
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Zum Verständnis der Begrifflichkeit Exotismus
Grundsätzlich ist festzustellen, dass der Begriff des Exotismus eine gedankliche »Kon-
struktion« darstellt,5 die ganz unterschiedliche Auffassungen, Assoziationen und Sicht-
weisen transportiert.6 Sie alle in umfangreicher Breite zu diskutieren, einschließlich
der Frage, was für oder gegen die Benutzung der Begrifflichkeit des Exotismus spricht,
würde an dieser Stelle zu weit führen.
Da es um künstlerische Prozesse geht, sollen Exotismen im vorliegenden Fall als
kreative Auseinandersetzungen mit kulturellen Kontexten fernab des eigenen Gesichts-
kreises aufgefasst werden. Dabei stehen Kulturen im Mittelpunkt, die durch ihre An-
dersartigkeit eine starke Anziehungskraft ausüben, denen der Reiz des Phantastischen,
Unwirklichen, Enthobenen anhaftet, die nur schwer greifbar sind, »die menschliche
Einbildungskraft in Gang setzen« oder gar »eine eigene, andere und fremde Welt«7
kreieren. Zentral ist in dem Zusammenhang die »sinnliche Erfahrung«, die letztendlich
zu realitätsfernen und phantastischen Projektionen führt.8
Zumeist werden mit dem Begriff des Exotischen Gebiete außerhalb des europä-
isch-abendländischen Gesichtskreises evoziert.9 Eine exakte kulturelle und geographi-
sche Fixierung ist dabei nur sehr begrenzt möglich, da Personen und Orte zuweilen
nur mit vagen Auskünften bedacht werden. Auch ›fremde‹ europäisch-abendländi-
sche Kulturen verfügen zudem über den Reiz des Außergewöhnlichen und können
vor dem eigenen Erfahrungshintergrund als exotisch wahrgenommen werden.10 Die
Räume, die entworfen werden, sind fiktional, knüpfen an Ideallandschaften an. Ort
und Zeit sind kaum definierbar, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion häufig
fließend.11
Bei der Rezeption von Exotismen kommt es zur Adaption, Extrahierung ausgewähl-
ter kultureller Momente, die für die jeweilige Ethnie als repräsentativ, und zeichenhaft
5 Kienlin 2015, S. 1.
6 Revers weist darauf hin, dass sich »das Problemfeld ›Exotismus‹ […] einer eindeutigen Systematisie-
rung weitgehend entzieht«. Revers 1997, S. 27.
7 Müller-Funk 2016, S. 295 und 297; siehe dazu auch Maschke 1996, S. 15.
8 V. Segalen, Ästhetik des Diversen, zit. bei Revers 1997, S. 25. Revers versteht »das Moment des Irrea-
len
[…] als Eigenschaft des Exotischen« (S.
28).
9 Erdheim 1987, S. 48–53.
10 Siehe dazu die Auseinandersetzung mit einem »binnenexotischen Beispiel« bei Bausinger 1987, S.
3–5.
Als exotisch können zudem nicht nur geographisch entferne Räume und damit verbundene Zeichen
wahrgenommen werden. Die Begrifflichkeit findet auch im Zusammenhang mit anderen Sachverhalten
oder Eigenschaften Verwendung. Gemäß Betzwieser oder Whaples handelt es sich beim musikalischen
Exotismus vor allem um Territorien außerhalb Europas, die szenisch-musikalisch rezipiert werden,
während für Locke das örtlich Andere, das vollkommen von den eigenen Sitten und Gebräuchen ab-
weicht, zur Debatte steht. Whaples 1984, S.
6; Betzwieser 1995, Sp.
227; Locke 2001, S.
459. Für Locke
ist zudem maßgeblich, dass das Fremde nicht komplett unwirklich ist. Locke 2009, S. 47.
11 Müller-Funk 2016, S. 296.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur