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Projektion der Ferne: exotische Räume im französischen Musiktheater des 17. Jahrhunderts
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die Hofgesellschaft sich ägyptisch zeigte. Auch Lully und seine Petits violons waren
ägyptisch gekleidet.26
Die Projektion exotischer Gegenwelten erfolgte hier unter idealisierenden Vorstel-
lungen einer Adelskultur, die sich mit außereuropäischen Fürsten und deren Hofkul-
turen identifizierte, indem sie den Luxus und Glanz sagenumworbener Fürsten aus
Mythos, Geschichte und Gegenwart auf den Plan rief. Abgrenzungen zu den Fremdkul-
turen spielten dabei keine Rolle, dafür die Kreation von Sehnsüchten, das Herausheben
aus alltäglichen Kontexten. Die Wiedergabe realer Lebenswelten war dabei genauso
unbedeutend wie wirkliches Wissen über den Anderen.27
Projektionen des Fremden im französischen Musiktheater
Zahlreiche Möglichkeiten zur Entfaltung exotischer Momente ergaben sich auch in den
theatralischen Darbietungen der Ballets de cour, Tragédies, Comédies, Comédie-ballets,
Tragédies en musique und in den Opéra-ballets, die explizit für die höfische Gesell-
schaft kreiert wurden und an denen sich der Adel – insofern es sich um keine Bühne
außerhalb des höfischen Raumes handelte – künstlerisch beteiligte. Seit den frühen
Ballets de cour war die Darstellung fremdländischer Nationalitäten europäischer wie
außereuropäischer Herkunft ein wiederkehrendes Motiv. Eines der wichtigsten Hof-
ballette exotischen Charakters stellte Le Grand Bal de la Douairière de Billebahaut dar.28
Ludwig
XIII. inszenierte es während des Karnevals 1626 im Louvre. Er selbst, verschie-
dene Mitglieder der Hofgesellschaft sowie die Sänger, Tänzer und Musiker des Hofes
wirkten an der Aufführung mit. Der König tanzte einen der persischen Ärzte. Es han-
delt sich hier um ein komisch-burleskes Sujet: Die Erbin von Bilbao und ihr Verlobter
veranstalten einen großen Ball. Zu diesem stellen sich Gäste aus unterschiedlichen Erd-
teilen ein. Das Ballett der Amerikaner enthält die Entrée von König Atabalipas (Abb.
2)
oder den Einzug der vier Papageien. Weiterhin gehören Gäste aus Asien, wie z. B. der
Großtürke, die persischen Ärzte und »Mahomet«, die Völker des Nordens mit den
»(Aus)Gleitenden«, die Afrikaner und ihr Cachique (Abb.
3) oder der Großkhan zur der
illustren Gesellschaft. Die Kostüme entwarf Daniel Rabel.29 Zur Inszenierung gehörte
nicht nur die Schau exotischer Personen, auch nachgeahmte fremdländische Tiere
wurden gezeigt. Die Vorgabe der Schauplätze bewegt sich im historisch-imaginären
Bereich; Exponenten unterschiedlicher Kontinente und Klimazonen wie der Prophet
26 Salmen 1997, S. 1175–1176; Vivier 1994, S. 504–505.
27 Williams 2014, S. 8–9.
28 Betzwieser versteht es als bedeutendstes exotisches Divertissement vor 1670. Betzwieser 1993, S.
119–
121.
29 Du Crest 2006, S. 321–323.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur