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Margret Scharrer
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Cardenio (1720) wiederverwandte.81 Wie Jittapim Yamprai darlegt, rezipierte Lalande
in seinen Airs die siamesische Musik.82 Neben Lalandes Airs kursierten bei Hof noch
weitere Kompositionen, die sich auf Siam beziehen.83
Einzelne Musiker begegneten der Kultur Siams sogar direkt vor Ort, wie im Fall
des Komponisten André Cardinal Destouches bekannt. Er und verschiedene weitere
Musiker befanden sich 1687/88 unter den Mitgliedern der zweiten französischen Ge-
sandtschaft nach Siam.84 Nicolas Gervaise veröffentlichte in seiner Histoire naturelle et
politique du royaume de Siam 1688 mit »Sout Chai« die erste Übertragung eines sia-
mesischen Liedes, das Ähnlichkeiten mit der Mahori-Melodie Namlodtaisai aufweist.85
Nur wenige Jahre später, 1691, teilt Simon de La Loubère in Du royaume de Siam ein
weiteres siamesisches Lied mit, »Say Samon«.86
Neben der Delegation aus Siam suchten noch einige weitere außereuropäische Ge-
sandtschaften während der Regierungszeit Ludwigs
XIV. den französischen Hof auf, sie
kamen aus Konstantinopel, Persien, Marokko, Algier, Tripolis und Amerika. Der Erb-
prinz des Königreichs Assinie, Aniaba, lebte ca. zehn Jahre im Umfeld des französischen
Hofes.87 Ein reger Austausch verband die französische Krone zudem mit ihren Kolonien
außerhalb Europas. Austauschmöglichkeiten gab es viele. Dass es vermutlich zu einem
weit größeren Transfer fremdländischer Elemente im Musiktheater kam, als hier auf-
gezeigt, ist zu vermuten. Rezeptionsprozesse können schließlich zur vollkommenen
Verfremdung des anverwandelten Gegenstands führen, sodass sie kaum oder gar nicht
wiedererkannt werden können.
Zusammenfassung
Exotismen waren ein wesentliches Moment bei der Ausprägung des theatralischen und
höfischen Raums. Fremde Welten wurden durch die intermediale Vielfalt wie durch
die Gattungsvielfalt des Theaters unterschiedlich repräsentiert und stellten ein wich-
81 Yamprai 2013, S. 425; Locke 2015, S. 150.
82 Yamprai 2013, S.
422–431. Yamprai führt den Nachweis, dass Lalande musikalische Elemente von »Sout
Chai« in sein erstes »Air siamois« eingebunden habe, während sein zweites Air sich am buddhistischen
Gesang des Gebets Sorapanya orientiert.
83 Yamprai 2013, S. 431–434.
84 Lemaître 1992; Irving 2012, S. 405.
85 Yamprai 2013, S. 426. Irving ist der Auffassung, dass das Lied eher europäisch als siamesisch klingt.
Es wurde den europäischen Gepflogenheiten entsprechend mit einer Bass- und einer Melodiestimme
notiert. Irving 2012, S. 407–408.
86 Irving 2012, S. 407–408.
87 Martin 2017. Die Mitglieder der Gesandtschaft aus Siam nahmen u. a. an Theateraufführungen teil, be-
suchten die Oper, lernten Lully und einzelne der mitwirkenden Darsteller kennen. Vivier 1954, S.
495–
497.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Titel
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Untertitel
- Hof – Oper – Architektur
- Autoren
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Herausgeber
- Matthias Müller
- Verlag
- Heidelberg University Publishing
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Abmessungen
- 19.3 x 26.0 cm
- Seiten
- 618
- Schlagwörter
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Kategorie
- Kunst und Kultur