Seite - 141 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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Vielleicht könnenuns dieKreuzzüge tatsächlichAufschluss gebenüber unsereWelt.
Diemeisten,wennnichtgaralleihreLehrenlassensichallerdingsausanderenEpochen
der Menschheitsgeschichte genauso ziehen. […] Die Vorstellung jedoch, dass der
Kampf umdieHerrschaftüber dasHeilige Land, der von lateinischenChristenund
levantinischenMuslimenvorvielenJahrhundertenausgetragenwurde,einendirekten
Einfluss auf die moderneWelt hat oder haben sollte, ist falsch. Die Realität dieser
mittelalterlichen Kriege muss erforscht und verstanden werden, wenn man nicht
propagandistischerPolemikundaufwieglerischenFeindbildernzumOpfer fallenwill.
Insgesamt jedoch sollte man die Kreuzzüge dort lassen, wo sie hingehören: in der
Vergangenheit.17
Andersalsal-Qa¯ idawill etwaauchChristopherTyermaninseinem200-Seiten-
Reclam-BändchendieKreuzzügeinderVergangenheitbelassen,dennLandund
Sache, für die ein Kreuzfahrer lebte, starb oder sterben ließ, »besaßenWahr-
heiten für seineZeit, nicht für unsere«18. Andererseitsmuss auchnachTrans-
formationenderKreuzzugsidee bzw. neuzeitlichenNeuaufgriffen gefragtwer-
den.19
ImarabischenKontextwerden»dieKreuzzüge«durchausalseineGeschichte
wahrgenommen, in derenFortsetzung es sich für die Befreiung Jerusalems zu
kämpfen lohnt.Dasmachennichterst al-Qa¯ idaund»IslamischerStaat imIrak
und inderLevante«deutlich. Im1999 erstaufgelegten, ausAnlass des 11. Sep-
tember 2001umeinVorwort ergänztenBuch»KreuzzugundDjihad« schreibt
der inDamaskusgeborene, imWesten lehrendePolitikwissenschaftlerBassam
Tibi:
Jeder, der die orientalischen Sprachenbeherrscht unddie islamische Presse unserer
Gegenwart lesenkann,weiß, wiehartnäckigdie islamischenFeindbilder vomchrist-
lichenWesten grassieren […], daß jede Fehlhandlung desWestens […] in der isla-
mischenÖffentlichkeitunsererGegenwart fast automatisch ineinenZusammenhang
mit denKreuzzügen gebracht und als Zeichen ihrer Fortsetzung interpretiertwird.20
Die ungelöste Aufgabe der Befreiung Jerusalems steht auch hinter dem 1992
errichtetenSala¯had-Dı¯n-Denkmal inder syrischenHauptstadtDamaskus, das
inzwischen zum Bildrepertoire von Geschichtsbüchern gehört, ohne dessen
Funktion zu verstehen.21 Es geht in demMonument nur für den westlichen
Betrachtenden primär umSala¯h ad-Dı¯n, denn er oder sie erkennt nicht, dass
JerusalemseitderGründungIsraelsausarabischerPerspektiveschonwiederall
zu langbesetzt ist.22
17 Asbridge,DieKreuzzüge, 729–730.
18 Tyerman,DieKreuzzüge, 197.
19 FelixHinz (Hg.),KreuzzügedesMittelaltersundderNeuzeit,Hildesheim:Olms, 2015.
20 BassamTibi,KreuzzugundDjihad,München:Goldmann,2001, 130–131.
21 EntdeckenundVerstehen2[/3], 31;ZeitreiseA2, 37.
22 CaroleHillenbrand,TheCrusades, Edinburgh:UniversityPress, 1999, 593–600.
»Mythos«ersterKreuzzug 141
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher