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DasMassaker in Jerusalem
Ob die Eroberung Jerusalems aus zeitgenössischer Perspektive über die Ge-
wohnheitenmittelalterlicherKriegsführunghinausging34, ist durchauskontro-
vers.Gegendie traditionelle Sicht eines allgemeinenMassakers stellteThomas
Asbridge2010 fest:
Im13. Jahrhundert schätzteder irakischeMuslim Ibnal-AthirdieZahl dermuslimi-
schen Toten auf 70.000. Moderne Historiker hielten diese Zahl lange Zeit für eine
Übertreibung, aberdie lateinischenSchätzungenvonmehr als 10.000Totennahmen
siealswahrscheinlichhin. JüngsteForschungenfördertenjedocheinezeitgenössische
hebräischeQuellezutage,diedaraufhinweist,dassdieZahlderOpferkaumüber3000
ging und dass bei der Einnahme Jerusalems sehr viele Gefangene gemacht wurden.
Daraus kannman schließen, dass schon imMittelalter dieVorstellung vonder Bru-
talitätderKreuzfahrerimJahr1099aufbeidenSeitendesKonfliktseinGegenstandvon
ÜbertreibungundManipulationgewesen ist.35
Ergab sicheineStadt,wurdeein teurerAbzugausgehandelt,wiebeiderRück-
eroberung von al-Quds 1187, als es durchdieVernichtungdes größten je auf-
gebotenenKreuzritterheersinHattinkeineAussichtaufVerteidigunggab.Ergab
sichdieStadtnicht,wieJerusalem1099,sichertemansichbeieinergewaltsamen
Einnahme, was man kriegen konnte. Ein Echo trotz Unordnung geordneter
Besitzsicherungfindetsichinentdeckenundverstehen,woFulchervonChartres
erwähnt,»dass jeder,derzuersteinHausbetrat,oberreichoderarmwar,nicht
von einemanderen Frankenbedrohtwurde«.36DreiGeschichtsbücher stützen
sichfürdieTextquelleaufeinennormannischenKreuzritter.37EineAnalyseder
WeglassungenzeigteineTendenzzurBegradigungderFronten:Dasvergebliche
Anrennen, die Zerstörung eines von zwei Belagerungstürmenund die heftige
Gegenwehr derMuslime, auch als die Kreuzfahrer schon in der Stadt waren,
bleibenunerwähnt. So erscheinendieKreuzritter als losgelasseneMörder von
Männern, Frauen und Kindern und raffgierige Plünderer, die anschließend
ihremGott fürallesdanken,währenddieMuslimeOpferohneGegenwehrsind.
Wenn der Normanne schreibt, niemand habe je von einem solchen Blutbad
gehörtoderesgesehen38,gehörtdasauchzurTopik39.ObdieErobererwegendes
34 Dies bezweifeln beispielsweise John France,Victory in the East, Cambridge: Cambridge
UniversityPress, 1994, 325–366 Jerusalem: triumphant ending, 355;KasparElm, »DieEr-
oberung Jerusalems im Jahre 1099«, in: Bauer u.a. (Hg.), Jerusalem imHoch- und Spät-
mittelalter, 31–54, 42–46.
35 Asbridge,DieKreuzzüge, 117.
36 EntdeckenundVerstehen2[/3], 27.
37 DenkmalGeschichte2, 50;GeschichteundGegenwart2, 48–49;ZeitreiseA2, 35.
38 DenkmalGeschichte2, 50.
39 An vielen der Kreuzzugszeit, nicht jedoch Kreuzzugsdarstellungen entstammenden Bei-
spielen:MaltePrietzel,Kriegführung imMittelalter,Paderborn:Schöningh,2006,109–118:
HansjörgBiener146
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher