Seite - 151 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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[2., weiterführendeAntwort] Sie sindmit demSchwert desWortesGottes zudurch-
stoßen [Vgl. Hebräer 4,12], damit sie freiwillig und nicht gezwungen zumGlauben
[und damit zum ewigen Leben] kommen, weil Gott Nötigungen und erzwungene
Dienstehasst.60
Dieser Text ist ein Beispiel für latente Sinngehalte, die berücksichtigt werden
müssen,wenneinQuellentext richtigeingesetztwerdensoll.Dasgilt fürdiezur
ErläuterungeingefügtendamaligenDiskussionsschritteundnochmehr fürdie
theologischeSprache,derenAbkürzungeneinschlägiggebildeteLeserinnenund
Leser seiner Zeit verstehen, neuzeitliche aber nicht.Wennman »homines ei-
usdem conditionis naturae« mit »Menschen von derselben natürlichen Be-
schaffenheit wie wir« übersetzt61, darf man das nicht als »Die Muslime sind
Menschenwiewir«62hören.Manmüsstemindestens »Sie sind doch auchGe-
schöpfe Gottes« mithören. Besser zum Bibelvers und zur weiterführenden
Antwort, die auf die Bekehrung der Sarazenen zielt, passt es, wennman »ho-
mines eiusdemconditionis naturae humanae iustitia originali destitutae« ver-
steht,»MenschenimselbenZustandwiewir,nämlichdurchdenSündenfallder
ursprünglichenGerechtigkeit beraubt«. Ein »Bekehren statt Bekriegen« gab es
auchaufislamischerSeite,dennhierwarvorderSchlachtdemNicht-Muslimdie
Möglichkeit zurKonversionzugeben.DagegengingmanaufbeidenSeitenmit
»Ketzern«gnadenlosum,dennderAbfall vomrechtenGlaubenmachte sie zur
Gefahr für die Rechtgläubigen. So zog auchRadulfusNiger bei der Ketzerbe-
kämpfung ihreAusrottung inErwägung.63Auchdeshalb ist ein »Sie sinddoch
auchMenschen« alsZusammenfassung seinerKreuzzugsskepsis unzutreffend,
denndasallgemein-humanitäreArgumenthätteanalog fürdasLebensrechtder
Ketzergeltenmüssen.
Zu schnell geschrieben ist darum im Lehrerband vonGeschichte und Ge-
genwart die Zusammenfassung der Quelle als »Der Geistliche Radulfus Niger
lehnt die gewaltsame Bekehrung und Ermordung Andersgläubiger ab.«64 In
zeitreise wird zu einem Arbeitsauftrag zur Quelle eine »bejahende [!] Stel-
lungnahme zur Gleichwertigkeit von Christen und Muslimen sowie zur Ge-
waltlosigkeit« erwartet,wasdiePositionvonRadulfuskaumbeschreibt.65
60 Ludwig Schmugge (Hg.),RadulfusNiger:De remilitari et triplici via peregrinationis iero-
solimitane(1187/88),Berlin:DeGruyter,1977,196(ÜbersetzungBiener.Diehiervorgelegte
Interpretation istdurchKorrespondenzmitLudwigSchmuggerückversichert,März2010).
61 GeschichteundGegenwart2, 49.
62 ZeitreiseA2, 35.
63 Schmugge,RadulfusNiger:Deremilitariet tripliciviaperegrinationis ierosolimitane(1187/
88), 65bzw.192.
64 GeschichteundGegenwart2.Lehrerband, Braunschweig: Schöningh,2012, 18.
65 ZeitreiseA2.Begleitband, Stuttgart/Leipzig:Klett, 2011, 19.
»Mythos«ersterKreuzzug 151
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher