Seite - 161 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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MythenzurRollederSchweiz indenWeltkriegen–Einblicke inden
Forschungsstand
Was wissen wir über Mythen im kollektiven Gedächtnis der Schweiz, insbe-
sonderehinsichtlichderRolledesLandesindenWeltkriegen?InderLiteraturist
vielfach vomMythos der schweizerischen Neutralität die Rede, ebenso vom
Mythos einer wehrhaften und dabei zugleich hilfsbereiten, humanitären
Schweiz.11Was hat es damit auf sich undwoher kommen dieseMythen? Ur-
sprünge finden sich Jakob Tanner zufolge in der Schweiz des ausgehenden
neunzehnten Jahrhunderts.Wieauch inandereneuropäischenStaatenhabees
einen Trend zur Erfindung von Traditionen und nationalstaatlicher Identität
gegeben.12Als Elemente der »imaginierte[n] Gemeinschaft der Confoederatio
helvetica« benennt Tanner Demokratie, Föderalismus und Neutralität sowie
Eigenständigkeit undWehrhaftigkeit bei gleichzeitigemZusammenhalt im In-
neren,wasnicht zuletzt ausderAlpenlage abgeleitetwird, die eine »Festigung
desnationalenSelbstbildesdurchseineVerankerung imnatürlichenFortifika-
tionssystemderBerge«ermögliche.13
Inwiefern haben nun solche und andere Elemente eines schweizerischen
SelbstbildesEingang inSchulbüchergefunden?UmfangreicheBefundezuMy-
then inGeschichtslehrmitteln lieferteMarkus Furrer.14Drei der von ihm fest-
gestelltenMythensindfürdasAnliegendiesesArtikelsrelevant,dasiedieRolle
der Schweiz indenWeltkriegenbetreffen: derNeutralitätsmythos, derR8duit-
mythos undder Samaritermythos.15Verkürzt ausgedrückt erzählen dieseMy-
thenvonderSchweizalseinemneutralenLand,dasdenBedrohungenderKriege
wehrhaft entgegen steht und sich dabei durch Humanität auszeichnet. Eine
Hinterfragung oder Relativierung des Neutralitätskonzepts angesichts des
innen- und aussenpolitischen Geschehens finde dabei nicht oder nur in An-
11 SofürGeschichtslehrmittelherausgearbeitetbeiMarkusFurrer,DieNation imSchulbuch–
zwischen Überhöhung und Verdrängung. Leitbilder der Schweizer Nationalgeschichte in
Schweizer Geschichtslehrmitteln der Nachkriegszeit und Gegenwart, Hannover: Verlag
Hahnsche Buchhandlung, 2004, S. 258ff.; Zur Relativierung und Dekonstruktion der Er-
zählung einer neutralen,wehrhaften, hilfsbereitenSchweiz jüngstMaissen, SchweizerHel-
dengeschichten, 104ff., 162ff., 172ff.
12 Tanner,DieKrisederGedächtnisorte, 28.
13 Ebd.
14 ZentralesReferenzwerk für die hier vorgestellteAnalyse bildetMarkus FurrersHabilitati-
onsschrift aus dem Jahr 2004: Markus Furrer,Die Nation im Schulbuch; Neben diesem
Hauptwerk beziehe ich mich ausserdem an mehreren Stellen auf: Markus Furrer, »Die
Weltkriege des 20. Jahrhunderts und ihre Funktion imnationalenNarrativ von Schweizer
Geschichtslehrmitteln«, in: Markus Furrer und Kurt Messmer (Hg.), Kriegsnarrative in
Geschichtslehrmitteln. Brennpunkte nationaler Diskurse, Schwalbach/Ts.: Wochenschau
Verlag, 2009, 149–165.
15 Furrer,DieNation imSchulbuch, 258ff., 260ff., 263ff.
DieRollederSchweiz indenWeltkriegen 161
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher