Seite - 162 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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sätzenstatt.16EinevergleichbareTriasanMythenentdeckteJonasMorgenthaler
in Lehrmitteldarstellungen zum Ersten Weltkrieg, nämlich den Mythos der
Neutralität, derWehrhaftigkeit und Barmherzigkeit.17 Beide Autoren identifi-
ziertendieseMythen in einerhistorisch-vergleichendenAnalyse vonLehrmit-
teln, wobeiMorgenthaler seinen Längsschnittvergleichmit Schulbüchern aus
der Zwischenkriegszeit, Furrer mitWerken aus der Zeit nach 1945 beginnen
lässt.
Währenddie genanntenMythenmitpunktuellenAkzentverschiebungen im
Zeitverlaufübermehrere Jahrzehnte relativ stabil indenLehrmittelnvorzufin-
den sind,18 stellen beide Autoren für jüngere Lehrmittel dann eine teilweise
ErosionvonMythen fest, wobei als einwichtiger Einschnitt die in den 1990er
Jahren stattgefundenen öffentlichen Auseinandersetzungen um die Rolle der
Schweiz imZweitenWeltkrieg gedeutet werden.19Etwa sei in denGeschichts-
lehrmitteln die jahrelangunhinterfragteNeutralität diskussionswürdig gewor-
den,seineudasWechselspielzwischenAnpassungundWiderstandindenBlick
geraten,hättenmilitärischeBedrohungundVerteidigungsbereitschaft alsThe-
men anBedeutung verloren, ebensowieVorstellungen einer Schweiz als Insel
des Friedens und der Barmherzigkeit. Hingegen seien neue Themen in die
Schulbücher aufgenommen worden, wie beispielsweise Antisemitismus und
wirtschaftlicheZusammenarbeitmitdemDeutschenReichsowiedierestriktive
EinreisepolitikderSchweiz,wobei letztgenanntesThemabereits inLehrmitteln
der 1980er Jahre auftauche und damit noch vor den öffentlichen Debatten
Eingang inSchulbüchergefundenhabe.20
Waswar nunGegenstand dieserDebatten?Ausgelöst von einerDiskussion
umnachrichtenloseVermögen inSchweizerBankengerietdamalsdasNarrativ
einerneutralenundhumanitärenSchweiz indieöffentlicheDiskussion.21Vom
Parlamentwurde schliesslich zurAufklärung eineKommission eingesetzt, die
UnabhängigeExpertenkommissionSchweiz–ZweiterWeltkrieg (UEK).DieAr-
16 Ebd., 238, 260.
17 JonasMorgenthaler, »›Gleich einer Insel imwogendenMeere…‹.DasBildder Schweiz im
ErstenWeltkrieg in SchweizerGeschichtsbüchern von 1917 bis heute«, in:Markus Furrer
undKurtMessmer(Hg.),Kriegsnarrative inGeschichtslehrmitteln.Brennpunktenationaler
Diskurse, Schwalbach/Ts.:WochenschauVerlag, 2009, 45–63, 49.
18 Furrer arbeitet vier verschiedene Akzente im Zeitverlauf heraus: den »Souveränitätsdis-
kurs«,»Bedrohungsdiskurs«,»Bewährungsdiskurs«und»Krisendiskurs«,inMarkusFurrer,
DieWeltkriegedes20. Jahrhunderts, 152ff.
19 Ebd., 149.
20 Hier und vorausgehender Abschnitt: Ebd., 149, 157ff.; Furrer,Die Nation im Schulbuch,
260f., 266;Morgenthaler,Gleicheiner Insel, 49ff., 55.
21 Barbara Bonhage u.a.,Hinschauen undNachfragen. Die Schweiz und die Zeit des Natio-
nalsozialismus im Licht aktueller Fragen. 2. Ausg., Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons
Zürich,2006,66;Tanner,DieKrisederGedächtnisorte, 30;ausführlicheRekonstruktionder
DebattenbeiMaissen,VerweigerteErinnerung, 2005.
JuliaThyroff162
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher