Seite - 164 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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schichtswissenschaftlicher Forschung und kollektivem Gedächtnis das Wort
geredet werden, demzufolge kollektives Gedächtnis grundsätzlich mythenbe-
haftet, Geschichtswissenschaft per se frei vonMythen sei. Dass sich durchaus
auch in geschichtswissenschaftlichen Darstellungen stark verdichtete, orien-
tierungsrelevante, stabile Narrative zeigen, geht aus einer Untersuchung von
Konrad Kuhn und B8atrice Ziegler hervor. Sie konnten zeigen, dass die Ge-
schichtsschreibung in Bezug auf die Rolle der Schweiz im Ersten Weltkrieg
spezifischeundüber Jahrzehntehinweg stabile Elemente aufweist, die dasAu-
torenduoals »dominantesNarrativ«bezeichnet.27HierzugehörtdieErzählung
vomErstenWeltkriegalseinerZeitderpolitischenNeutralität,wobeizwareine
VerletzungderNeutralitätdurcheinzelnepolitischeAkteurethematisiert,nicht
aber die bestehenden wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen der Schweiz
unddemkriegführendenAusland systematisch in eineReflexiondesNeutrali-
tätsverständnisseseinbezogenwürden.28HierzuzähltweiterdieErzählungvom
ErstenWeltkrieg als einer Zeit sozialer und kultureller Spannungen zwischen
Arm und Reich und zwischen den deutsch- und französischsprachigen Lan-
desteilen, letztere aufgrundunterschiedlicherVerbundenheitenmit denkrieg-
führendenNachbarnationenDeutschlandundFrankreich.29 In derRückschau
wirddann,wieMarkusFurrer feststellt, der ErsteWeltkrieg als einePhase ge-
deutet, in der die Schweiz zwar durch innere soziale und kulturelle Konflikte
herausgefordert wurde, sich jedoch letztlich im »Zeitalter der Katastrophen
bewährte«.30
Wiepositionieren sichnunaktuelleGeschichtslehrmittel imSpannungsfeld
aus jahrzehntealten Mythen und deren Dekonstruktion in jüngerer Vergan-
genheit? Diese Frage ist deshalb interessant, weil Geschichtslehrmittel schon
ihrer Gattung nach Grenzgänger zwischen verschiedenen Bereichen der Ge-
schichtskultur sind, gar »Zwitter«31 darstellen. Sie vermitteln zwischen der
Geschichtswissenschaft und einer breitenÖffentlichkeit und berücksichtigen
dabei zugleich auch politische Interessen.32 Lehrmittel gebenAufschluss über
27 Konrad J. Kuhn und B8atrice Ziegler, »Dominantes Narrativ und drängende Forschungs-
fragen – Zur Geschichte der Schweiz im ErstenWeltkrieg«, in: Traverse. Zeitschrift für
Geschichte/Revued’historie18, 3 (2011), 123–141.
28 KuhnundZiegler,DominantesNarrativ, 123, 129f.
29 Ebd., 123ff.
30 MarkusFurrer,»DieSchweizerzählen–Europaerzählen–dieWelterzählen…Wandelund
FunktionvonNarrativeninSchweizerGeschichtslehrmitteln«, in:SchweizerischeZeitschrift
fürGeschichte59, 1 (2009), 56–77, 65.
31 Morgenthaler,Gleicheiner Insel, 47.
32 Eindrückliche Fallbeispiele zumVerhältnis von Lehrmittelentwicklung undPolitik finden
sichbeiPeterGautschi,»Geschichtslehrmittel:Wiesieentwickeltwerdenundwasvonihnen
erwartet wird«, in: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik. Jahresband 2006. Schwalbach/Ts.:
WochenschauVerlag, 2006, 178–197.
JuliaThyroff164
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher