Seite - 188 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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Dass Sinnstiftungen angenommenwerden, hängtmit der Bereitschaft zusam-
men,»BestimmteVorstellungskomplexezuakzeptieren,weil siezumjeweiligen
Überzeugungssystempassenunddieses zu stützengeeignet sind.«16
Man kann rund umAdolf Hitler durchaus einenmessianischen Kult aus-
machen. Der »Führer« alsMessias, der Deutschland rettet. Umdieses Bild zu
verstärken,bediente sichdienationalsozialistischePropagandaetwabeiWahl-
kampfreisendesFlugzeugs, das sich aufgrundseiner technischenNeuartigkeit
perfekt ineineInszenierungeinfügte,beiderder»Messias«ausdemHimmelzu
denLeutenkam.De facto erhöhtediePartei dadurchauchdie (Omni)Präsenz
Hitlers in Deutschland aufgrund einer veränderten Reisegeschwindigkeit. Es
konntesichaufdieseWeisedurchauseinreligiös-psychischesErlebeneinstellen,
indemHitler dann als Erlöser undErretter wahrgenommenwurde.17 In Erin-
nerungeneinesTeilnehmers einer solchenVeranstaltungheißt es:
HitlerkamineinemAutokonvoian.AllesaussteigenunddanngingeranderSpitzeder
ganzenLeute.WiesoeineProzessionstiegensieaufdenBückeberg.Dannhieltereine
Rede und stieg in ein vorbereitetes Flugzeug und flog ab. Als ob er in dieWolken
entwich.WieeinProphet.18
Eine derartige Stilisierung wurde auch in der bildlichen Kommunikation auf
einer ästhetischen Ebene betrieben. Besonders eindrucksvoll belegt dies etwa
Karl Staubers Gemälde Es lebe Deutschland! Es dient hier als idealtypisches
Exemplum. Die pseudo-religiöseÜberhöhung wurde darin in idealtypischer
Weise künstlerisch umgesetzt. Hitler, der in dynamischer Pose eine Haken-
kreuzfahneemporhältundseine linkeHandzueinergeballtenFaust anspannt,
marschiert einer ozeanischen Masse an Parteisoldaten im gleißendem Son-
nenlicht–wiemandiesausderkatholischenIkonographiebeiHeiligenbildern
kennt–voran.Überihmschwebtder»Hl.Geist«.19»ÄsthetischeInszenierungist
dieGrundlagederWirksamkeit einerMytheninszenierungundmacht ihre so-
ziale Akzeptanz hochwahrscheinlich.«20 Eine besonders wirksame Vermitt-
lungsformvonMythen, die ebenfallsmit einer politischenÄsthetik inVerbin-
dung zu bringen ist, wird daher auch in regelmäßig wiederkehrenden politi-
schenRitualenerkannt. »Durch Jahrestage, politischeFeiernusw.wirdausder
einfachen Verehrung eines politischen Helden ein Personenkult im engeren
16 Peter Tepe, »Entwurf einer Theorie des politischenMythos«, in:Mythos No.2. Politische
Mythen (2006), 46–65, 59.
17 JoachimC.Fest,Hitler.EineBiographie,FrankfurtamMain/Berlin/Wien:Rizzoli,6.Auflage
1974, 458f.
18 ErinnerungeineskaufmännischenAngestellten(Jg. 1917),in:WalterKempowski,HabenSie
Hitler gesehen?,München:KnausVerlag, 1973, 49.
19 Vgl. Horst Möller u.a.(Hg.), Die tödliche Utopie. Bilder, Texte, Dokumente. Daten zum
DrittenReich.,München:VerlagDokumentationObersalzberg, 1999, 27.
20 Dörner,PolitischerMythosundSymbolischePolitik, 54.
ChristophKühberger188
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher