Seite - 190 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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Es existieren zudieser Sichtweise durchaus auch alltagsgeschichtliche Spiegel-
quellen, die trotz ihrer oftmaligen allzu blumigen Ausschmückungen einen
»authentischen Kern« besitzen, »der aufs neue die in ›einfacheren‹ Bevölke-
rungsschichten verbreitete Tendenzwiderspiegelt, ihreDankbarkeit zu perso-
nalisieren und alle vom Dritten Reich empfangenen sozialenWohltaten un-
mittelbar Hitler als ihrem Urheber und Stifter zuzuschreiben.«27 Peter Tepe
identifiziert diesenZugangals eineprinzipielleMöglichkeit derMythisierung,
indemnämlichbestimmteMenschen,fürdieeinePersoneinpolitischerHeldist,
dazuneigen,diesermehrpositiveLeistungenzuzuschreibenalsihmzukommen.
In der extremstenAusprägung gilt etwa das Erreichen des großenpolitischen
Zieles allein als dasWerk des politischenHelden.28Damit kames letztlich zu
einerVerschmelzungzwischenpolitischenAnliegenundHitler,29einPhänomen,
welchesweitüberdenZweitenWeltkrieg hinauswirkte.Dazumuss zwar ange-
merktwerden,dassessichdabeiumeinenProzesshandelte,der inderFrühzeit
derNSDAPseineWurzelnhat,jedochüberdasAmtscharismadesKanzlers1933
unddesFührersalsAbwandlungdesReichspräsidentenamtes1934 führteund
letztlichvonderPropagandamassivverstärktwurde.30IanKershawerkenntmit
derverstärktenBerichterstattungabHerbst1930bereits jenenWendepunkt,an
demnichtmehr nur eine kleine politischeGruppe von Fanatikern einen »Fe-
tisch« betrieb, sondern ein Hitlerkult breit einsetzte, der für Millionen von
DeutschendieHoffnungauf einneuesZeitalter signalisierte.31
DerhistorischeMythosundseinBruch
Blicktmanauf dieKarriere des politischenHitler-Mythosnach1945 inunter-
schiedlicher Verarbeitung zurück, kannman durchaus verschiedene Stränge
ausmachen, welche vonAdolfHitlers angeblich zentraler Rolle imNS-System
überzeugtblieben.
Ohneder nationalsozialistischen Ideologieweiter anzuhängen, gingen etwa
27 Kershaw,DerHitler-Mythos, 89;DieQuellen rundumdenHitlerkult, welche letztlich den
Hitler-Mythos abstütze, waren mannigfaltig und wurden nicht nur durch die offizielle
Propaganda vorangetrieben; ThomasMergel, »Führer, Volksgemeinschaft undMaschine.
PolitischeErwartungsstrukturen in derWeimarerRepublik unddemNationalsozialismus
1918–139«, in:WolfgangHardtwig(Hg.),PolitischeKulturgeschichte1918–1939,Göttingen:
Vandenhoeck& Ruprecht, 2005, 91–127, 123; Ian Kershaw,Hitler. 1889–1836, Stuttgart:
DeutscheVerlags-Anstalt, 2.Auflage1998, 611ff.
28 Tepe,Entwurf einerTheoriedespolitischenMythos, 59;Tepeargumentiert auch,dasspoli-
tischesHeldentum/Heldenverehrungals anthropologischeMöglichkeit angelegt sei, 56.
29 Vgl.Ebd., 55.
30 Vgl.Kühberger,MetaphernderMacht, 320.
31 Kershaw,DerHitler-Mythos, 45.
ChristophKühberger190
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher