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geschichtswissenschaftliche Interpretationslinien davon aus, dass Hitlers Per-
sönlichkeit, seine Ideenund seineWillensstärke die Erklärungendafür liefern
würden,umdenNationalsozialismuszuerklären.DazuwurdeauchderBegriff
»Hitlerismus«geprägt:32
Hinter einerderartigen Interpretation steckt imallgemeinen (sic!) eineSicht, diedie
›Intentionalität‹derHauptakteuredeshistorischenDramashervorhebtundaußerdem
der jeweiligen Handlung besonderes Gewicht einräumt. Diese Art des Denkens
kennzeichnet natürlichHitlerbiographien ebensowiedie in jüngererZeit aufgekom-
menen ›psychohistorischen‹ Studien. Sie ist allerdings auch bei einigen wichtigen
nichtbiografischenUntersuchungenzumNationalsozialismuszu finden.33
Durch eine starke Fokussierung auf Adolf Hitler, wie dies zwangsläufig bei
biografischenAnsätzenderFall ist(z.B.beiJoachimFest34),kannnachKershaw
eine»extremePersonalisierungkomplexerProbleme«nichtverhindertwerden,
weil es dadurch zu einer Reduktion der »Probleme auf Fragen zuHitlers Per-
sönlichkeit und Ideologie« kommt.35Dies kann noch deutlicher bei psycho-
historischen Ansätzen illustriert werden. So schreibt etwa der Psychologe
Manfred Koch-Hillebrecht in seinemBuch »HomoHitler« über Adolf Hitler:
Seine desaströse Politik ist am besten zu erfassen, wennman sie als unmittelbaren
Ausdruck einer bösartigen, rücksichtslosen, unaufrichtigenund selbstsüchtigenPer-
sönlichkeit ansieht. In seinemProgrammmageshalbwegsbrauchbareAnsätzegege-
benhaben;dochseinePersönlichkeitwendetealles zumSchlimmen.36
Letztlich wurden in psycho-historischen Interpretationen meist Krieg und
Holocaust ausHitlers psychischer Konstitution erklärt,über seinen »Ödipus-
komplex,Monorchismus [Einhodigkeit], neurotischer Psychopathie, gestörter
Pubertät undpsychischenTraumata«.37
Daneben wurden aber auch politikwissenschaftliche Interpretationen, wie
etwa jene vonKarl Dietrich Bracher, derHitler innerhalb desNS-Staates eine
32 Ian Kershaw, Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick,
ReinbekbeiHamburg:Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, 13.Auflage1995, 116.
33 Ebd.
34 Fest,Hitler.
35 Kershaw,DerNS-Staat, 117;Kershawselbst setzt sichmitdiesemProbleminderEinleitung
zu seiner eigenenHitler Biographie auseinander: »Schließlichdrängt sichmirdieÜberle-
gungauf, obesnichtmöglich ist,dieauffallendePolarisierungderAnsätze zuüberwinden
und sie in einerHitler-Biographie aus der Feder eines ›strukturalistischen‹Historikers zu
integrieren,derdemGenreBiographiemiteinemkritischenBlickbegegnet. Instinktivister
vielleicht bestrebt, bei komplexen Prozessen die Rolle des Individuums, wie wirkungs-
mächtig esauchsei, eherabzuwertenals zuüberhöhen.«,Kershaw,Hitler, 8.
36 ManfredKoch-Hillebrecht,HomoHitler. PsychogrammdesdeutschenDiktators,München:
Siedler, 1999, 37.
37 Kershaw,DerNS-Staat, 118.
Hitler-Mythen inösterreichischenGeschichtsschulbüchern 191
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher