Seite - 214 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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DerMythenkomplex–FaktenundFiktionen
Politischen Mythen liegen sinnstiftende meist emotional aufgeladene Erzäh-
lungen zugrunde, die die historischeWirklichkeit nicht den Fakten entspre-
chenddarstellenunddurchdie verzerrte InterpretationderVergangenheit ge-
genwartsbezogenen Bedeutungssinn von oder für politische Gemeinschaften
generieren.4Am»Hitler«-oder»Führer-Mythos«,mitdemMythemdesvonder
»Vorsehung« auserwählten »Retters des deutschen Volkes« und dem damit
verknüpftenAutobahnbausowiederBeseitigungderArbeitslosigkeit als Sinn-
bild für technischeModernität und ökonomischen Fortschritt wird dies sehr
deutlich.AmBeispielHitlers vollzieht sichderProzess einerseits durch insze-
niertePropagandamaßnahmenundandererseitsdurchdieProjektionengroßer
Bevölkerungsteile, die die Überhöhung der Person Hitler mit polyvalenten
Funktionenals »VollstreckerdesVolkswillens« zurFolgehatten.5DasBildvon
HitlerserstemSpatenstichzumBauderReichsautobahnam23.September1933
ist tief im kollektiven Gedächtnis verwurzelt. Das zentrale Mythem des My-
thenkomplexes ist die von der NS-Propaganda verbreitete und bis in die Ge-
genwart geglaubteBehauptung, dieAutobahnund ihre netzartigeVerbindung
großer Städte sei eine Erfindung und LeistungHitlers gewesen, verdichtet als
Schöpfungsmythos in der Propagandabezeichnung »Straßen des Führers«.
Damit verbunden sind die Beseitigung derMassenarbeitslosigkeit, die ange-
strebte »Volksmotorisierung«, eine vorgebliche besonderemilitärischeBedeu-
tung der Reichsautobahnen für den Truppen- undMaterialtransport und die
ästhetisch hochwertige, dem Landschaftsschutz dienende Verknüpfung von
Natur und Technik bei der baulichen Umsetzung. Die Mythenbestandteile
wurden in einer Sammlung vonTafelskizzen für denGeschichtsunterricht aus
demJahre1938manipulativineinemganzheitlichenZusammenhangorganisch
verdichtet unddieKonstruktiondesMythosReichsautobahn sohistorischdi-
daktisiert vermittelt (s.Abb.1).
UnterderÜberschrift»DieStraßendesFührers«wirddirektaufdieAussage
Hitlers Bezug genommen, die dieser auf derAutomobilausstellung am11.Fe-
bruar 1933 bezüglich derMaßnahmen zur Förderung derMotorisierung ge-
macht hatte.Als drittes Ziel führte er damals aus: »Durchführung eines groß-
4 Vgl.YvesBizeul,»PolitischeMythen«,in:HeidiHein-KircherundHansHenningHahn(Hg.),
Politische Mythen im 19. und 20. Jahrhundert inMittel- und Osteuropa, Marburg: Verlag
HerderInstitut,2006,3–14,5ff.;HeidiHein-Kircher,»PolitischeMythen«,in:AusPolitikund
Zeitgeschichte11 (2007), 26–31,26f;Vgl. auchdieAusführungen imeinleitendenBeitragzu
diesemBand: »Was ist einhistorischerMythos?VersucheinerDefinitionauskulturwissen-
schaftlicherundgeschichtsdidaktischerPerspektive«.
5 Vgl.IanKershaw,DerHitler-Mythos.FührerkultundVolksmeinung,München:dtv,2.Auflage
2003,16f.,40,47,205f;Vgl.dazuauchdenBeitragvonChristophKühbergerindiesemBand.
TobiasKuster214
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher