Seite - 224 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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mittel blieb allerdings während des Krieges die treibstoffsparende und weit-
verzweigteReichsbahn.DieReichswehrwies zudemauf das ProblemderOri-
entierungswirkung für feindliche Luftangriffe hin, da die breiten hellen Fahr-
bahnen als gut sichtbare Bänder die großen Städte verbinden würden und
feindlichenTruppenalsEinmarschschneisendienenkönnten.Vielfachwurden
imKriegdanndie FahrbahnenmitTarnfarbe gestrichen. Zudemwaren inder
Regel die Fahrbahndecken zu dünn und viele Bereiche zu steil für schweres
militärischesGerät undauchvieleBrückennichtdafür vorgesehen. Insgesamt
entzog aus der Sicht vieler führenderMilitärs das Autobahnprojekt der Rüs-
tungsproduktion wertvolle Ressourcen wie Stahl oder Arbeitskräfte. Die bis
heute weit verbreiteteMeinung über denmilitärischenNutzen der Reichsau-
tobahn ist nicht faktengedeckt, auch wenn bei der Planung und beim Bau
phasenweisedarangeglaubtwurde.26
ArbeitsbedingungenundWiderstand
Die Arbeiterschaft imAutobahnbauwar einer besonders hohen körperlichen
Belastung undGefahr vonArbeitsunfällen ausgesetzt. Absichtlichwurden zur
erhöhten Arbeitsbeschaffung bis Ende 1935 wenig schwere Maschinen und
Arbeitsgeräteeingesetzt,wodurchderAnteilanschwererHandarbeitsehrhoch
war.Das führteu.a. zumvermehrtenAuftretender»Schipperkrankheit«27.Die
Unterbringung inmilitärisch organisierten »Arbeitslagern«, die zumTeil sehr
weit vondenEinsatzorten entferntwaren, bei schlechterVerpflegungundHy-
giene senkte zusätzlichdieAttraktivität des Einsatzes amReichsautobahnpro-
jekt. Die hohe Anzahl vonArbeitsunfällen zeugte von dem geringenArbeits-
schutz. So verunglückte bis 1938 ein Arbeiter auf sechs Autobahnkilometern
tödlich. Das zynische Gesicht des Regimes offenbarte sich dann in der syste-
matischen InstrumentalisierungvonTodesfällen in ritualisiertenFeiern fürdie
26 Vgl. Hansjoachim Henning, »Kraftfahrzeugindustrie und Autobahnbau in der Wirt-
schaftspolitikdesNationalsozialismus1933bis 1936«, in:Vierteljahrschrift für Sozial-und
Wirtschaftsgeschichte65(1978),217–242,241f.;Seidler,FritzTodt, 136ff.;Hans-PeterSang,
»Technik und Staat imDritten Reich«, in: Armin Hermann undHans-Peter Sang (Hg.),
Technikund Staat, Düsseldorf: VDIVerlag, 1992, 137–160, 157f.; DietmarKlenke, »Auto-
bahnbau inWestfalenvondenAnfängenbis zumHöhepunkt der 1970er Jahre–EineGe-
schichtederpolitischenPlanung«, in:WilfriedReininghausundKarlTeppe(Hg.),Verkehr
undRegionim19.und20. Jahrhundert.WestfälischeBeispiele,Paderborn:Schöningh,1999,
249–270,253ff.;AxelDoßmann,BegrenzteMobilität.EineKulturgeschichtederAutobahnen
inderDDR, Essen:KlartextVerlag, 2003, 32ff.
27 Nach wochenlangen monotonen Schaufelarbeiten kam es bei vielen geschwächten und
häufig unterernährten Arbeitenden zuMuskelschwäche und Ermüdungsbrüchen an der
Hals-BrustgrenzederWirbelsäule.
TobiasKuster224
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher