Seite - 239 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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– Beim Autobahnbau wurden in erheblichemMaße Zwangsarbeiter, Kriegs-
gefangeneund jüdischeHäftlingeeingesetzt.
– DieAutobahnhatte eine bedeutende Propagandafunktion imNS-Staat und
ihre seine ästhetisch-künstlerische Darstellung (Fotos, Gemälde, Plakate
usw.) alsModernisierungsbeispiel ist bis heute unreflektiert in denMedien
verbreitet.
– Der Mythos ist bis heute aktiv, d.h., die Narration erfüllt gegenwärtige
Funktionen,zumBeispielnationaleIdentifikation(Gegenwartsbezug,Selbst-
reflektion).
InSchulbüchernkönnennichtalleAspektegleichermaßenvertieftwerden,aber
der Anspruch, ein umfassendes Bild nationalsozialistischer Politik zu vermit-
teln, bleibt davonunberührt.Geschichtsschulbüchermüssendie Instrumenta-
lisierung des Autobahnbaus und seine mythischeÜberhöhung im NS-Staat
sichtbarmachen –nur so können heutige Schülergenerationen die Persistenz
dieserMythisierung erkennen. Kritikwürdigwäre allerdings, wie Schulbücher
diesenAnspruchumsetzen.Es ist auffällig, dassmansichbeimUmgangheute
immernochzusehraufdiewirtschaftlichenAspektebeschränkt.Derangebliche
militärischeNutzen, Arbeitsbedingungen, Zwangsarbeit und die Propaganda-
funktionsinddeutlichunterbelichtet.ÄhnlichkritischwiedieTäterbilder zum
Holocaust oder Filmausschnitte ausWochenschauen als Beleg und Erklärung
vonhistorischenEreignissenverwendetwerdenmüssen,solltendieAutorinnen
und Autoren Propagandabilder zumMythenkomplex Autobahnbau nicht il-
lustrativ oder als visuelle Belege einsetzen. Sie sindDokumente der national-
sozialistischenMythenbildung und Selbstdarstellung und als Bestandteil kon-
trafaktischer Narrationenmuss man sie auch so im historischen Lernen be-
handeln. Der Mythos wird in der Regel, wenn überhaupt, nur ansatzweise
dekonstruiert,dievisuelleWiederholungderkraftvollenPropagandabildermit
einemFakten-undFiktionen-Gemischverknüpft undaufdieseWeise kein re-
flektiertes Geschichtsbewusstsein aufgebaut oder narrative Kompetenz entwi-
ckelt.GeradediePropagandabilder solltennicht alsBelege fürdasDargestellte
(Abbilder derWirklichkeit) und zur inhaltlichenRekonstruktion, sondern als
PropagandamaterialzurFörderungderMethodenkompetenzanalysiertwerden.
Neben der Informationsentnahme und demAufbau von deklarativemWissen
könnten die Schülerinnen und Schüler sich innerhalb des kompetenzorien-
tierten Unterrichts ein Urteil bilden und Ideologiekritik üben.52 Ein zielfüh-
52 Vgl.MichaelSauer, »Hitler imBild.NationalsozialistischeFotopropaganda«, in:Geschichte
lernen91 (2002), 29–32, 29;Ders.,Bilder imGeschichtsunterricht. Typen– Interpretations-
methoden – Unterrichtsverfahren, Seelze-Velber: Klett/Kallmeyer, 4.Auflage 2012, 163,
173ff.; Bernd SchönemannundHolger Thünemann, Schulbucharbeit. Das Geschichtslehr-
DerMythosvonderReichsautobahn 239
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Buch Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag"
Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher