Seite - 252 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
Bild der Seite - 252 -
Text der Seite - 252 -
westlichenZivilisationinGefahr).GegeninnenhattederKalteKriegundderaus
ihm resultierende Antikommunismus eine binnenintegrierende Wirkung als
Weltsicht, die dieGesellschaft von einemdämonisierten äußerenund inneren
Feindabsetzte.
DerAntikommunismusinderSchweizfandseinenNiederschlaginkonkreten
politischen Maßnahmen, so anlässlich der Nichtanerkennung der UdSSR
(Aufnahme diplomatischer Beziehungen erst 1946), weiter in einer grossen
Übereinstimmung imAntikommunismus oder auch in der bis zumEnde des
Kalten Krieges anhaltenden Praxis des »Fichierens«. Im Verlauf des Kalten
Krieges wurde von jedem bzw. jeder 20. SchweizerIn und jedem bzw. jeder
drittenAusländerIn einegeheimeKartei angelegt. 1989,nicht ganz zufällig am
EndediesermanichäischenAuseinandersetzung, flogdieserSkandal auf.
KommenwirhierabschliessendaufdenCharakterdesAntikommunismuszu
sprechen, was wiederum dessen Dynamik und Tragfähigkeit erklärt: Ur-
sprünglich basierte der Antikommunismus auf einem vertikal strukturierten
Klassenantagonismus. Mit dem Ausbrechen des Ost-West-Konflikts nahm er
einehorizontaleAusrichtunganunderwiessichmitseinerpolitgeographischen
Umsetzung als so adaptionsfähig, dass er die klassischen Aus- und Eingren-
zungskonstrukte der Moderne und Vormoderne vollumfänglich beerben
konnte. In ihm fanden sichAnsätze eines Rassenbiologismus (ausgedrückt in
einem heftigen Antislawismus), kulturalistisch argumentierende Volkstums-
ideologien(wieFreiheitsepenundFreiheitsmythen)undspezifischenreligiösen
Bedeutungsschichten aus dem Kampf gegen den nun zum marxistischen
AtheistengewordenenAntichristen. Sie erhöhtendessenWirkungsmächtigkeit
undDistinktionskraft in einemSinne,wiedies invorangehendenBewegungen
nicht anzutreffen ist.17
Ganz beiläufig formulierte Franz Meyer in einem Geschichtsbuch 1974:
»Stalin zeigte in derUNOund imKontrollrat immerwieder sein freundliches
asiatisches Lächeln.«18Geschichtslehrmittel sind hierbei jedoch zurückhalten-
der.Weit polemischer argumentierte die damals parteigebundeneTagespresse
undwarntevorder»EntchristlichungderabendländischenMenschheit«19oder
säkularisierter formuliert vor der Bedrohung der europäischen Zivilisation
durchdenbarbarischenKommunismus.20
17 KurtImhof,»WiedergeburtdergeistigenLandesverteidigung:KalterKrieg inderSchweiz«,
in: ders. u.a. (Hg.),Konkordanz undKalter Krieg. Analyse vonMedienereignissen in der
SchweizderZwischen-undNachkriegszeit, Zürich: Seismo,1996, 173–247, 177.
18 FranzMeyer,Wirwollen frei sein. »Weltenweitundheimattreu«,Bd.3,Aarau:Sauerländer,
1974, 329.
19 Vaterland, 17.November1943.
20 LuzernerTagblatt, 29.April 1948.
MarkusFurrer252
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
zurück zum
Buch Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag"
Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher