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Essinddiese:
– dieFreiheitsmythen (mitWilhelmTellunddemRütlischwur)
– derNeutralitätsmythos
– derWehrhaftigkeitsmythos
Alledrei fügensichnahtlos indieKalte-Krieg-Konstellationein.Ohnehiernun
aufdieeigentlichenEntstehungshintergründeeinzugehen,möchte ich lediglich
kurzdenKontext zurPhasedesKaltenKriegesherleitenund insbesondereauf
dieFunktion imSinneeiner»Gebrauchsgeschichte« zusprechenkommen.24
IhreHochphaseerlebtendieseMytheninsbesondereinderZeitderGeistigen
Landesverteidigung. Diese Bewegung, die aus der Bedrohungslage der Zwi-
schenkriegszeitdurchNationalsozialismusundFaschismusentstandenwarund
den Totalitarismen ein »Schweizertum« gegenüberstellte, lässt sich imUrteil
einigerHistorikerinnenundHistorikerbis indie 1960er Jahre verlängern.Das
neueBedrohungsbilddurchdenKommunismusermöglichte erstdiepraktisch
nahtlose Fortsetzung und in der Folge auch die nachträgliche innergesell-
schaftlicheStabilisierungspolitik.
Esist jedochnichtdasEndedesKaltenKrieges,sonderndergesellschaftliche
Umbruch,welcherspätestensinden1980erJahrenbreitumsichgriffundderzu
einemRückgangmythologisierter Geschichtsbilder führte. Die drei oben ge-
nannten traditionellenMythenerzählungenwurden denn auch prominent im
vaterländischen Geschichtsunterricht während des Kalten Krieges weiterver-
breitet.25 Veranschaulichen lässt sich dies mit konkreten Ereignissen: 1954
leistete die Schweizer SchuljugendeinenhandfestenBeitragdurcheine erfolg-
reiche Sammelaktion für die Erneuerung der Tellskappelle und der Hohlen
Gasse.26 Kritiklos wurden solche Aktionen jedoch auch während des Kalten
Krieges nicht gutgeheißen. So kritisierte dieUNESCO-Kommission bereits in
den 1950er Jahren eineÜberbetonung der Nationalgeschichte in der Schule.
Allerdings trug diese Kritik nur langsamFrüchte und so fand der eigentliche
Wandel in Lehrmitteln erst in den 1980er Jahren statt.27Konkret finden sich
damit dieMythenwirkungsmächtig in der Erinnerungskultur wieder, wie die
folgendenAuszügezeigen.
24 Vgl.dazu:GuyP.Marchal,SchweizerGebrauchsgeschichte.Geschichtsbilder,Mythenbildung
undnationale Identität, Basel: Schwabe, 2006.
25 Vgl. Nadine Ritzer, Der Kalte Krieg in den Schweizer Schulen. Eine kulturgeschichtliche
Analyse,Bern:hep-Verlag, 2015.
26 Ebd., 170.
27 Vgl. ebd., 281–283.
MarkusFurrer254
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher