Seite - 271 - in Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern - Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
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DerÉlysée-Vertrag–einGründungs-Mythos?
Betrachtetmandie Schulbuchdarstellungen dagegen durch die Brille eines so
genannten»kritischen«Mythenbegriffs,22derdenMythostendenziellalsIrrtum
odersogarLügebetrachtetundihninOppositionzueiner»Realität«sieht23–ein
Mythen-Begriff,demetwaGilbertZiebura24 folgt–,dannbestündedasZieldes
Geschichtsdidaktikersdarin, den»Mythos«vomPlys8e-VertragalsBeginnder
deutsch-französischenFreundschaft als nicht triftigeErzählung zudekonstru-
ierenunddie(Re-)Konstruktioneiner triftigenErzählungüberdieAnnäherung
Frankreichs und Deutschlands nach dem ZweitenWeltkrieg zu ermöglichen.
Dies wäre möglich, indemman sämtliche zivilgesellschaftlichen, politischen,
diplomatischen,wirtschaftlichenundwissenschaftlichen, privatenundöffent-
lichen Initiativen und Bemühungen umdeutsch-französische Kooperationen,
Austausch, Annäherung und politische Aussöhnung in den Blick nimmt, die
schonweitvor1963zubeobachtensindunddurchausFrüchtetrugen.Immerhin
stellen diese Bemühungen letztlich die Rahmenbedingungen für das Zustan-
dekommendesVertrags, für seineAkzeptanz indenbeidenGesellschaftenund
für die Einschätzung des Elys8e-Vertrags als wichtigem Meilenstein in den
deutsch-französischenBeziehungendar.
Einewichtige Initiative gingbeispielsweise vonGeorgEckert aus, der Ende
der 1940er Jahremit dem französischen Geschichtslehrerverband in Kontakt
trat. Seit 1948 fanden regelmäßigeTreffen französischer unddeutscherHisto-
riker statt, undmitHilfederLeitungderRelations culturelles deMayence (des
heutigen Instituts fürEuropäischeGeschichteMainz)konnte imSommer1950
inFreiburg imBreisgau ein erstes TreffenderGeschichtslehrerverbändeorga-
nisiert werden. Aus diesenTreffen ging 1951 die gemeinsameDeutsch-franzö-
sischeVereinbarungüber strittige Fragen europäischerGeschichtehervor,25die
unteranderemfolgendeAbsätze enthält: »Eswird fürnotwendiggehalten,daß
Versöhnungskitsch (TagungenzurOstmitteleuropa-Forschung26),Marburg:VerlagHerder
Institut, 2008, 55–69, 58–62.
22 Vgl.RolfParr,»DasSystemderdeutschenGründungsmythen.VonNapoleonbiszurWende
von 1989«, in:MatteoGalli undHeinz-Peter Preusser (Hg.),DeutscheGründungsmythen,
Heidelberg:VerlagWinter, 2008, 23–36,24.
23 »[…] und zwarmit demZiel, denMythos von einer stetsmit vorausgesetzten Ebene der
Wirklichkeit zu trennen oder ihn als ›Lüge‹ zu entlarven«, Parr, System der deutschen
Gründungsmythen, 24.
24 Gilbert Ziebura,Diedeutsch-französischenBeziehungen seit 1945.MythenundRealitäten,
Stuttgart:NeskeVerlag,überarbeiteteundaktualisierteNeuausgabe1997.
25 Deutsch-französische Vereinbarung über strittige Fragen europäischer Geschichte. Sonder-
druck aus dem Internationalen Jahrbuch für Geschichtsunterricht 1953, Braunschweig:
Albert LimbachVerlag,NeudruckMärz 1958. Siehedort auchdieAufstellungder europa-
weitenPublikationsorganeundZeitschriften, in denendie deutsch-französischenHistori-
kervereinbarungen inden Jahren1952bis1955abgedrucktwurden.Ebd., 36.
DerÉlysée-Vertragvon1963 271
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Titel
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Untertitel
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Autoren
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Herausgeber
- Christoph Kühberger
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 294
- Kategorie
- Lehrbücher