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den kaiserlichen Generalissimus Wallenstein und den Geheimen-Rats-Präsidenten Hans
Ulrich v. Eggenberg (1568–1634), Herzog zu Krumau. Die politische Zäsur der Ermor-
dung Wallensteins gestaltete sich für M. M. auch zum persönlichen Einschnitt: Ihr erster
Ehemann wurde gemeinsam mit Wallenstein 1634 ermordet; sie verließ die Stadt Eger/
Cheb wenige Tage nach der Bluttat mit dem Leichnam ihres Mannes. Zwar gelang es ihr
mit Unterstützung ihrer Brüder, ihres Schwagers und der Kaiserin Eleonora Gonzaga d. Ä.
(1598 –1655), Teile des konfiszierten Besitzes ihres Mannes und ihr Heiratsgut zu retten.
Ihre zweite Eheschließung mit dem politisch unbedeutenden und kaum vermögenden Of-
fizier und Freiherrn Johann Wilhelm Posthumus v. Scherffenberg (1610 –1645) im Jahre
1635 zeigte jedoch ihre schwierige Situation. Für die folgenden Jahre dokumentieren ihre
Briefe und Papiere das anhaltende Ringen um die Konsolidierung ihrer finanziellen Ver-
hältnisse, die durch Kriegzerstörungen auf den Gütern zusätzlich beeinträchtigt wurden.
Als ihr Mann starb, sah sich Frau v. Sch. gezwungen, ihr eigenes Gut in Mähren zu verkau-
fen und sich mit ihren sieben Kindern, deren jüngstes erst zwei Jahre alt war, auf das Gut
ihres Mannes – Spielberg bei Linz – zurückzuziehen. Im Jahr 1651 übernahm M. dann auf
Drängen ihres Bruders Franz Albrecht das Amt der Fräuleinhofmeisterin der künftigen
Kaiserin Eleonora Gonzaga d. J. (1630–1686). Dass ihre Mutter seit vielen Jahren recht
enge Beziehungen zur Kaiserin-Witwe Eleonora Gonzaga d. Ä. unterhielt, die den Hofstaat
für ihre Nichte mit auswählte, sowie die Beziehungen ihrer Nichte Katharina v. Waldstein
(1628–1691) als Kammerfräulein der Kaiserin-Witwe dürften dabei ebenfalls keine geringe
Rolle gespielt haben. Aus ihrer Amtszeit in Wien sind zahlreiche Briefe an den erwähn-
ten Bruder Franz Albrecht überliefert, die nicht nur Mitteilungen aus dem kaiserlichen
Frauenzimmer beinhalten, sondern auch belegen, dass Amtsinhaberinnen ihre Nähe zur
Kaiserin im Sinne ihrer Familie zu nutzen suchten. Dabei wusste M. einerseits die Beför-
derung ihrer eigenen Anliegen durch Interventionen der Fürstin zu erreichen. So etwa im
Herbst 1657, als sie sich um die Auszahlung ihrer rückständigen Besoldung bemühte und
ein entsprechendes Memorial gleichzeitig über Eleonora Gonzaga d. J. an König Leopold
I. (1640–1705) in Frankfurt am Main sowie direkt an den Hofkammerpräsidenten gehen
ließ. Von Letzterem erhoffte sie sich dabei nicht nur eine Unterstützung ihres Anliegens,
sondern auch die Sicherheit, dass selbst bei Verlust eines Schreibens das andere sein Ziel
erreichen würde – eine Erfahrung, die möglicherweise aus ihrem jahrzehntelangen Kampf
um Ansprüche aus ihrer ersten Ehe herrührte, in dem sie ihre Brüder Ernst Adalbert und
Franz Albrecht tatkräftig unterstützten. Andererseits war sie im Interesse der Familie aktiv,
so etwa, wenn sie zwei ihrer Töchter als Hoffräulein lancieren konnte, was in beiden Fällen
zu einer lukrativen Eheschließung beitrug, oder wenn sie den Erzbischof von Salzburg zur
Förderung eines ihrer Söhne veranlasste. Außerdem setzte sie sich zweimal dafür ein, dass
ihr Bruder Franz Albrecht von ihm angestrebte Hofämter erhielt, indem sie die Fürsprache
der Kaiserin in die Wege leitete. Ende des Jahres 1660 ist sie im Dienst gestorben.
Qu.: Ihre Briefe sowie Schriften zu familiären und finanziellen Angelegenheiten befinden
sich in AVA Wien, FA Harrach, HS 7, Kartons 142, 446, 738 und 742.
L.: Harrach 1906, Keller 2005, Keller/Catalano 2010, Mann 1989, Schwennicke 1988, Sieb-
macher 1919, Wißgrill 1824
Kathrin Keller
biografiA.
Lexikon österreichischer Frauen, Band 3, P – Z
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- biografiA.
- Untertitel
- Lexikon österreichischer Frauen
- Band
- 3, P – Z
- Herausgeber
- Ilse Korotin
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79590-2
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1238
- Kategorie
- Lexika