Seite - 155 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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hier zu sehen. Er kam sofort auf den eben geschilderten Mißstand
der schwachen Kompagnien in der bestehenden turbulenten Zeit zu
sprechen. Weiter äußerte er, daß die Italiener die tripolitanische
Aktion demnächst beginnen würden, was ihm sehr erwünscht käme,
da ihre Aspirationen imd Gedanken dadurch von Trient und Triest
abgelenkt werden dürften. Auf den ersten Blick schien dies ein-
leuchtend, und kurze Zeit hindurch machte es auch wirklich denEin-
druck, als ob hierdurch ein Ventil geöffnet worden wäre. Der Di-
plomat ließ sich's aber damals wohl nicht träumen, daß damit die
schlummernde orientalische Frage und alle sonstigen Fragen aufge-
rollt und daß mit den ersten Schüssen, die an der nordafrikanischen
Küste fielen, der Auftakt zu einem Völkerkrieg gegeben werden
würde. Die führenden Diplomaten der aggressiven Mächte dachten
darüber \'ieUeicht anders.
Aehrenthal beklagte sich über Conrad von Hötzendorf, der seine
friedliche Politik stets durch kriegerische Velleitäten störe imd auf
eine Aktion gegen unsern ,,Bundesfreund" Italien hinweise. So neben-
bei sagte mir dann der Minister, ,,daß er mich rechtzeitig avisieren
werde, wenn die Lage tatsächlich kritisch werden sollte". Dieser
Ausspruch enthüllte mir den Diplomaten alter Schule. Als ob dies
heutzutage dem Kriegsminister nützen würde, wenn man ihm einige
Wochen vor der Wahrscheinlichkeit einer kriegerischen Aktion sagt,
daß etwas in der Luft liege. Wo ist das Zeitalter der Kabinettskriege
und wo der Glaube an den prädominanten Einfluß diplomatischer
Kunststücke? Und genau genommen, hätte Aehrenthal mich sofort
avisieren müssen, da der Staat schon damals kritischen Zeiten ent-
gegenging.
Von dieser ersten Unterredung wenig befriedigt, setzte ich meine
weitern offiziellen Besuche fort. Eine längere Unterredung mit dem
damaligen österreichischen Finanzminister Mayer sei erwähnt. Der
Typus eines tüchtigen, ehrenwerten, routinierten Beamten, wollte er
seine enggezogenen KJreise nicht gestört sehen. Er bat mich, von
jeglicher etwa geplanten Aktion abzusehen, und meinte lächelnd, daß
mir in dieser Richtung ein schlimmer Ruf vorausgehe. Er wollte
auch gehört haben, daß ich sofort einen Nachtragskredit von 12 Mil-
lionen beanspruchen werde, und zeigte mir scherzhaftden „Kikeriki",
der mich im vollen Waffenschmuck, grimmig dreinschauend, auf
einer Dukatenpyramide brachte, mit der Überschrift ,,Zwölf Mil-
lionen Morgengabe". Ich beruhigte ihn, mußte aberim Stülen lächeln,
daß mein Kollege glauben konnte, eine solch geringe Anforderung
wäre das Ziel meiner Wünsche. Meine langjährigen eingehenden
Beobachtungen als Basis nehmend, wurde mir dochvom ersten Über-
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918