Seite - 156 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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blick an klar, wie enorm vieles zuschaffen sei, wenn man der Armee
und dem Vaterland dienen wollte.
Schönaich, ohne Zweifel eine geistig bedeutende Persönlichkeit, im
Umgang mit Menschen, mit den Parteien und auf der Rednertribüne
des Parlamentes gewandt, liebte immerhin leichte, vor allem in die
Augen springende Erfolge, hing mit Liebe am Ministerfauteuil und
war dabei seinem ganzen Wesen nach behäbig. So zog er es vor, sich
mit Minimalerfolgen zufriedenzugeben, um sich nicht mit den Fach-
ministern und Parlamenten in Auseinandersetzungen einzulassen, die
sich leicht zu einer Entweder-Oder-Situation zuspitzen. Am deut-
lichsten trat dies bei der lyösung des Wehrgesetzes in Erscheinung.
Dieses Gesetz, das volle 20 Jahre imStadium nascendi stand, wurde
von Volksvertretern und Bevölkerung leidenschaftlich ersehnt, weil
es die zweijährige Dienstzeit erbringen sollte, von der man sich aller-
dings größere Erleichterungen erhoffte, als in praxi geboten wer-
den konnten, da der Standard unserer Armee im lyaufe der letzten
Jahre ohnehin schon von allen andern kontinentalen Heeren weit-
aus überboten worden war. Für die Erwerbung der zur Durchführung
der Wehrreform benötigten Summen hatte Schönaich wohl einen
harten Kampf geführt. Sie schienen bedeutend, waren aber in An-
betracht der unerläßlichen Neuschaffungen nochimmer viel zu gering.
Und selbst hierbei hatte sich Schönaich zu einem Pakt verstehen
müssen, wonach er—ganzunvorherzusehende Fälle ausgenommen—
durch fünf Jahre mit keiner Neuforderung hervortreten durfte!
Was nun das Wehrgesetz selbst betraf, so war es meiner Über-
zeugung nach nicht genügend, um der Armee jenen kräftigen Fort-
schritt zu garantieren, der die auf der zweijährigenWehrpflichtresul-
tierenden Nachteile hätte wettmachen können. Gibt es übrigens hier-
für einen bessern Beweis, als den, daß das durch 20 Jahre in Verhand-
lung gestandene Wehrgesetz eine Lebensdauer von nicht einmal
einem Jahre erreichen konnte und sofort novelliert werden mußte?
Damals befand es sich aber noch immer in parlamentarischer Ver-
handlung. Beide Regierungen bemühten sich nach wie vor vergeb-
lich, die Zustimmung der Parlamente zu gewinnen. Ich werde später
erzählen, wie ich dann doch mittun mußte, um dieses mir so wenig
konvenierende Gesetz in den Hafen der Zustimmung zu bugsieren.
Dies war der Zustand der Heeresaufbringung in dem Momente,
da ich das Ministerium übernahm. Weiter waren folgende wichtige
Fragen teils schwebend, teils noch nicht in Erwägung gezogen:
Die Regelung der Unteroffiziersfrage.
Die Ausgestaltung der Artillerie.
Die Reorganisation der technischen Truppen.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918