Seite - 160 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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entsprach es, daß er Neuerungen nicht sehr liebte. Besonders solchen
technischer Natur sah er mit Skepsis entgegen. Wurden ihm doch
auch wiederholt die heterogensten Lösungen alsdie alleinseligmachen-
den vorgetragen. Unrichtig wäre es, anzunehmen, daß der Monarch
sich nicht überzeugen ließ. Nur galt auch da der alte Satz: ,,C'est
le ton, qui fait la musique".
Bekannt war sein unermüdlicher Arbeitsfleiß, der seine ganze
Tageseinteilung beherrschte. An der Pünktlichkeit, Genauigkeit und
korrekten Erledigung der Vorlagen konnte sich der strengste Büro-
krat ein Beispiel nehmen. Diese Korrektheit veranlaßte den Mon-
archen, auch mit den Ministern stets nur streng das Ressortgemäße
zu besprechen. Ein Übergreifen in ein anderes Ressort erfuhr stets
eine Zurückweisung. Dieser Standpunkt wäre vielleicht richtig ge-
wesen, wenn sich in Praxis die Materien auch scharf hätten trennen
lassen, was aber schon lange nicht mehr der Fall war. Des Kaisers
Arbeitszimmer war in den letzten Jahren eigentlich auch sein Wohn-
zimmer. Dort nahm er mindestens eine Mahlzeit im Tag kurzweg
am Schreibtisch ein. Auch kleine Konferenzen, zu denen nur vier
bis fünf Personen beschieden wurden, hielt man daselbst ab, wobei
die höchst einfachen, fast primitiven Schreibutensilien auffielen.
Nach Beendigung des unterbreiteten Referats erhob sich der Mon-
arch mit rascher Neigung des Kopfes und ordnete die Gegenstände
am Schreibtisch, während der Referent en reculant der Tür zustrebte.
So sah ich den Kaiser bei den vielen verschiedenartigsten Refe-
raten, die ich zu erstatten hatte.
Erwähnt sei noch, daß die Kamarilla einen Ring bildete, die den
Kaiser fest umschloß. Niemand konnte durch, wenn's die KamariUa
nicht wollte, und wehe dem, der ihr nicht zu Gesicht stand.
Der Eindruck, den die Persönlichkeit Franz Josefs auf die meisten
Menschen machte, war unbedingt ein tiefgehender. In einer unend-
lichen Zahl schwieriger Momente war es ihm persönlich gelungen,
Widerstände zu beseitigen. Widerstrebende in seinem Sinne zu be-
einflussen. Es gab hartgesottene Oppositionelle, die ihn tränenden
Auges verließen, und viele, die nach kurzer und meist recht bedeu-
tungsloser Audienz voll Wärme, Dankbarkeit, ja Innigkeit seiner ge
dachten. Fast überall, wohin er kam, jubelte ihm dieMenge zu. Sei-
nen Namen auf den Lippen, gingen Tausende in den Tod. Ein merk-
würdiges psychologisches Moment! Eine mächtige Suggestion, vor
allem aber die Frucht mehrhundertjähriger Volkserziehimg.
Franz Josef war eine durchaus kühle Natur. Seine Gefühle konnten
den zündenden Funken für das Empfinden anderer nicht büden.
Auch seine geistigen Fähigkeiten waren nicht überragend, und die
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918