Seite - 169 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Es kamen die Chefredakteure der meisten großen Zeitungen, vor
allem Benedikt von der „Neuen Freien Presse". Mit ihm, als dem
Vertreter einflußreicher Kreise, stand ich später längere Zeit in Füh-
lung und in halbdienstlichem Verkehr. Benedikt, mit stupendem Ge-
dächtnis und fabelhafter Belesenheit, repräsentierte den Leitartikler
eigener Schule. Ein wandelndes Lexikon, flössen ihm Bilder undVer-
gleiche nur so aus der Feder, Seine Arbeitskraft und journalistische
Leistungsfähigkeit, wohl aber auch sein Verständnis waren erstaun-
lich, nicht minder seine Versatilität, die ihn in geschickter ArtMen-
schen und Verhältnisse in verschiedenster Beleuchtung darstellen
ließ. Ich bin objektiv genug, ihm die Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen, daß er durch 3^/2 Jahre unentwegt an meiner Seite fest-
hielt und sich während dieser Zeit durch mein oft wechselndes Ge-
schick nicht beirren ließ. Dann aber, als das Schicksal mit elemen-
tarerGewalt mich an den Rand desVerderbens bringen wollte, blieb
er zurück. Dafür stellte sich Professor Singer von der „Zeit" um so
fester an meine Seite, je höher die Wogen meines Lebensschicksales
brandeten, und seine gewandte Art, sowie seine intimenBeziehungen
zum PrinzenLudwigWindischgraetz waren mireine wertvolleHilfe in
den Kämpfen, die ich gegen alles, was Macht hatte, führen mußte.
Fast ausnahmslos feindlich gesinnt waren— wenigstensim Anfang—
die ungarischen Blätter, besonders jene der Regierungsseite.
Und unter den Besuchern stellte sich eines Abends in ganz zwang-
loser Weise der deutsche Botschafter, Herr von Tschirschky, ein,
unzweifelhaft mit der bestimmten Absicht, den neuen Kriegsminister,
der die öffentliche Meinung mehr als gewöhnlich beschäftigte, per-
sönlich kennen zu lernen. Wie stets offenherzig, machte ich auch
bei dieser Gelegenheit aus meinen politisch-militärischen Anschau-
ungen kein Hehl. Beim ersten Gedankenaustausch gab ich meiner
Überzeugung Ausdruck, daß wir mit der ganzen Welt zu kämpfen
haben würden. Nur bezüglich der Kräftegruppierung war er ein wenig
optimistischer als ich. Ansonsten hatten wir aber dem Wesen nach
identische Ansichten. Diese Identität blieb auch weiterhin bestehen,
und die häufigen Aussprachen, die durch meine Demission als Mi-
nister nicht unterbrochen, sondern nur noch lebhafter und unbe-
fangener wurden, zeitigten eine aufrichtige Freundschaft, an der auch
der Botschafter in wahrhaft deutscher Treue festhielt. Auch dann,
als geschickte Intrigantenhände mich verderben wollten, und die
meisten Freunde und Kameraden sich scheu zur Seite drückten, um
abzuwarten oder— sei's offen, sei's heimlich— sich als Feinde zu
entpuppen. Er stand zu mir und gewährte mir hierdurch eine mora-
lische Unterstützung, die nicht hoch genug anzuschlagen war. Ich
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918