Seite - 176 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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schlössen war, dieZügel desStaatswagens gewissermaßen gemeinsam
in die Hände zu nehmen, ja dabei auch noch schwiegermütterliche
und andere geheime Einflüsse zu observieren. Eine objektive Be-
urteüung muß nun zu dem Schlüsse gelangen, daß diese Verbindung
für den Staat von ungünstigen Folgen begleitet war, daß daher
jener Augenblick, in dem von den Lippen des jungen Paares das
Wörtchen „oui" (!) erldang, für die Monarchie zu schicksalsschwerer
Bedeutung wurde.
Die Zeremonie selbst fandim engen Familienkreise statt, doch bald
daraufnahm die jugendliche Erzherzogin in den Prunkgemächern der
Kaiserburg den ersten hochoffiziellen Empfang entgegen. Die ober-
sten Würdenträger, der hohe Klerus, die Generalität, die hoffähige
Gesellschaft erschienen in mehreren Gruppen, um der jungen Erz-
herzogin die Honneurs zu entbieten. Ihre Erscheinung war nicht
ohne Anmut und Charme, aber freilich, wir, die Alten, mußten im
Geiste unwillkürlich den Vergleich ziehen zwischen diesem dimkel-
äugigen Kinde und der strahlenden Gestalt der Elisabeth, die einst
in diesen Räumen ihres königlichen Repräsentationsamtes gewaltet
hatte. Denn mag man sich über die Entschlafene welch UrteÜ immer
bilden, das Eine bleibt unbestritten, daß es nie eine Frauengestalt
gab, die hoheitsvoller und bezaubernder das Büd einer Kaiserin vor-
stellte als sie, die einst der Volksmimd: ,,Rose aus Bayerland" ge-
nannt.
Übrigens bedeutete immerhin das erste Auftreten der Erzherzogin
Zita in der Öffentlichkeit einen vollen Erfolg, besonders, wenn man
die keineswegs leichten Umstände in Betracht zieht, denen diese, den
Kinderschuhen kaum entwachsene Fürstin gegenübertrat. Oh, hätte
sie sich doch auch weiterhin mit solchen gesellschaftlichen, repräsen-
tativen und später mit charitativen Erfolgen zufrieden gegeben!
Für Ende Dezember wurde der Zusammentritt der Delegationen
als Vorkonferenz ausgeschrieben, da die parlamentarischen Ver-
hältnisse in Ungarn eine normale Session nicht zuließen. Daher sollte
eine Indemnität des Budgets für die folgenden vier Monate erteüt
werden. Hierdurch war auch entschieden, daß meine artülerie-
reorganisatorischenPläne, sowie jene, die sich auf dieSchaffung einer
Luftflotte bezogen, für lange Zeit verschoben werden mußten. Da
ich dies mit meinem ministeriellen Verantwortungsgefühl nicht in
Einklang bringen konnte, beschloß ich, einen nochmaligen Appell
an die Minister zur Gewährung eines diesbezüglichen Kredites zu
richten.
Bei der zu diesem Zwecke am 6. Dezember zusammenberufenen
Ministerkonferenz ersuchte ich Aehrenthal, mich im Interesse seiner
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918