Seite - 179 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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In jenen Wochen erkrankte übrigens der greise Monarch nicht un-
erheblich. Seine immer wiederkehrende Bronchitis stellte sich ein,
deren schleppender Verlauf Anlaß zu großer Befürchtung gab. Vor
Weihnachten schien der Zustand sehr gefahrdrohend, so daß in aller
Stille Vorbereitungen für den eventuellen Thronwechsel getroffen
wurden. Es waren Tage großer, begründeter Spannung. Ich wurde
wiederholt zum Thronfolger berufen. Er rang sichtHch mit großen
Entschlüssen, von denen er aber — wenigstens mir gegenüber —
nichts laut werden Heß. Er sagte nur ernsten Sinnes, daß er sich der
Verantwortung, die ihnjedenAugenbHckbelastenkonnte, tiefbewußt
sei und daß er alles daran setzen wolle, das Reich aus seiner kriti-
schen Lage zur Höhe zu bringen. Noch während der Feiertage siegte
dann die kräftige zähe Natur des Monarchen, so daß das neue Jahr
ihn wieder bei Gesundheit fand. Und Franz Ferdinand fühlte es fast
wie eine Erleichterung. —
In den letzten Tagen des alten Jahres hatte ich noch— wie schon
erwähnt— , meine parlamentarische Feuertaufe zu absolvieren an-
läßlich der Delegations-Vorsession.
Wieder wäre es fürmich persönlicham einfachstentmdbequemsten
gewesen, mich ganz auf den objektiven Standpimkt zu stellen, um
so mehr, da ich ja doch nur das nach allen Seiten zugeschnittene,
dem Schönaichschen Pakt entsprechende Budgetprovisorium zu ver-
treten hatte. Solch selbstgenügsamesTun entsprach aber nichtmeiner
Anschauung. Ich woUte mich diesmal über die Minister hinweg, die
doch vielfach von Portefeuilleopportunität befangen waren, durch
die Volksvertreter an das Volk selbst wenden und ihm rückhaltlos
zeigen, welchen Gefahren es unbewußt oder leichtherzig entgegen-
gehe. Auf diplomatische Leisetreterei hielt ich nichts. Mit dem
eigenen Volk in großen Fragen Verstecken spielen, schien mir un-
würdig. Nicht einschläfern, nicht irreführen, keinen weichen Rücken
und kein verbindliches Lächeln! Wollte das Volk trotz wahrheits-
getreuer Aufklärung im Zustand relativer Wehrlosigkeit weiterver-
harren— nun, dann trug es eben seinen Teil an Verantwortung auf
dem eigenen Gewissen.
Die erste Sitzung fand am 28. Dezember im ungarischen Vierer-
ausschuß^) statt. MitAusnahme einiger Oppositionellen hatten sich
die Delegierten fast vollständig eingefunden. ZunächstsprachAehren-
^) ,,Vierer-Ausschuß", weil von allen vier Ausschüssen vertreten. Eigentlich
eine komprimierte Delegation, in der alle Fragen eingehend ventüiert wurden,
so daß die Plenarsitzvmg oft nur eine formelle Bedeutvmg hatte. ImAusschuß
konnten sich die Regierungsmitgheder auch der deutschen Sprache bedienen,
während dagegen im Pleniun nm: imgarisch verhandelt werden durfte.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918