Seite - 200 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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ihn nicht hören, verbarg den Kopf tief in den Sand und hielt an
politischen Plänen und Hirngespinsten mit pathologischer Verbohrt-
heit fest.
Am Nachmittag kam der Erzherzog nach Riva. Er war schlechter
Stimmung, da der Erzbischof Endrici ihn in Torbole mit einer sehr
kühlen Ansprache empfangen hatte. Ich wurde zu einer langen
Audienz berufen, wobei ich zunächst Vorwürfe bekam, daß ich
zwei quiescierte Generale in persönhchen Angelegenheiten zu sehr
unterstützt hatte. Als ich dann von einer Reihe Meliorationen be-
richtete, trat die Gnadensonne wieder aus den Wolken.
Franz Ferdinand und ich fuhren zur Besichtigung einiger Stel-
Imigen. Aus irgendeinem Grund war bei dieser kurzen Fahrt an
Stelle von Oberst Bardolff der frühere Flügeladjutant des Erzherzogs
in Brosch anwesend. An einer kleinen Grenzstation verließen wir das
Auto, und der Erzherzog empfing eine Huldigungsdeputation der
Ortsgemeinde. Es war unmittelbar am Grenzschlag, an dessen an-
derer Seite die italienischen Financieri standen. Am gleichen Fleck
fielen zweiundeinhalb Jahre später die ersten Schüsse zwischen unsern
Grenzpatrouillen und den Italienern. Von uns dreien aber, die wir
da nebeneinander gestanden, war der Erzherzog ermordet, Brosch
im heldenmütigenKampf gefallen, und ich nach siegreich geführter
großer Schlacht infolge bösartiger, bornierter Anklage— in Unter-
suchungshaft! II paradiso, il inferno!
Die Gebirgsmanöver wurden vom Korpskommandanten, General
der Kavallerie Dankl, geleitet. Der Verlauf war im ganzen inter-
essant. Inmitten der Truppen fühlte ich mich voll in meinem Ele-
ment, und die Ministerei erschien mir eine höchst fragwürdige Bei-
gabe. Der Erzherzog freute sich über die schönen I^eistungen der
Truppen. Sein reichlich gespendetes Lob sollte auch Aneiferung und
Anerkennung für die, oft unter ungünstigsten Verhältnissen in des
Reiches ferner Südwestmark dislozierten Soldaten sein.
Als ungebetener Gast wohnte den Übungen ein Oberstleutnant des
italienischen Generalstabes bei, der sich durch Flucht der Ausweisung
entzog. Vielleicht waren noch manch andere seiner Kameraden,—
natürlichnuraus„wärmstembundesfreundlichenInteresse"—imVer-
borgenen anwesend. An Schlupfwinkeln war kein Mangel, denn wir
befanden uns inmitten der Terra Irredenta, worüber auch die zahl-
reich ausgesteckten Fahnen nicht täuschen konnten. Wie sehr die
Irredenta dort lauerte, erwies sich drei Jahre später auf das ekla-
tanteste. Dann kamen aber die vielen Verhaftungen und schweren
Strafen schon post festum. Allerdings war zugutem Teile das schran-
kenlose In-die-Halme-Schießen des Unkrautes durch unser Bundes-
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918